Hans-Peter Schmidt-Treptow – Erzwungene Liebe

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  1. Schwarzer Sonntag

 

Sonntagnachmittag, wieder so ein Tag, den man am besten auf sich beruhen lässt, dachte Oliver, als er auf dem Balkon seiner Wohnung saß und den herrlichen Panoramablick über die Stadt genoss. Damals als er die Wohnung mietete schien ihm die Aussicht der einzige Vorzug zu sein, den die Behausung bot. Oli hasste diese Sonntage, an denen sich nichts ereignete, er selbst nicht aus dem Quark kam, wie er sagte. Dabei war gerade dieses Wochenende sehr ereignisreich verlaufen, allerdings im negativen Sinne. Seit Monaten oder Jahren lagen sich seine Eltern in den Haaren. Ständig stritten sie um irgendwelche Kleinigkeiten, die zur Katastrophe ausarteten. Mehr als einmal erlebte er, dass seine Mutter oder sein Vater kurzfristig aus der gemeinsamen Wohnung auszogen, um nach ein paar Tagen wieder einzuziehen. Anscheinend brauchten beide dieses ständige sich aneinander Reiben. Obwohl Oliver immer wieder versuchte sich dem Zwist zu entziehen, gelang ihm das nie vollständig, da er es mit seinen neununddreißig Lenzen noch nicht wirklich geschafft hatte sich von seiner Familie zu lösen. Dass nun gerade seine Mutter Elfriede den entscheidenden Schritt gewagt hatte und definitiv ihren Mann verließ traf den Sohn hart. Olis Vater war für ein paar Tage mit unbekanntem Ziel verreist, was auch zu Olivers Unruhe beitrug. Wenn auch innerlich aufgewühlt half er seiner Mutter gestern beim Auszug und Einzug in ihre erste eigene Wohnung. Jetzt, fast am Ende des Wochenendes, lief alles noch einmal wie ein alter Film vor ihm ab. Er starrte ins Weite und plötzlich rannen Tränen über sein Gesicht. „Warum rege ich mich immer noch so auf und was fällt den beiden ein mir so etwas anzutun!“, sagte er leise vor sich hin. Eine unendliche dunkle Wolke machte sich über seinem Gemüt breit. Es half alles nichts, er hatte sich mit den Gegebenheiten abzufinden. Wer Oli näher kannte, wusste, dass er auch gern mal litt oder leiden wollte. Eine Zeitlang ließ er sich jetzt in dieses Gefühl fallen, bis er erschöpft auf der Liege einschlief.

Es waren aber nur ein paar Minuten, die er eingenickt war. Eben erwacht war er voll da und sprang auf.  Wie von der Tarantel gestochen packte er wahllos Handtücher und Badesachen in eine Plastiktüte, griff nach einem Buch, das er schon mehrfach gelesen hatte und verließ mit fliegenden Fahnen seine Wohnung. Unten auf dem Parkplatz kam er wieder zu sich und überlegte, was mit dem Restsonntag noch anzufangen sei. Er stieg in seinen alten Renault, warf die Tüte auf den Rücksitz und fuhr los. Für einen Maisonntag war es relativ kühl. Nach einer halbstündigen Fahrt stellte er fest, dass er sich bereits weit außerhalb der Stadt befand. Er näherte sich einem See und suchte eine Zuwegung ans Ufer. Sein Auto parkte er auf einem Feldweg und setzte sich Richtung Wasser in Bewegung. Auch wenn sich die Restsonne inzwischen ganz verabschiedet hatte ließ sich Oli nicht beirren und ging weiter geradeaus. Selbst das Wetter war ihm egal. Er wollte einfach Abtauchen, sich eine Auszeit nehmen, nichts sehen, nichts hören, einfach nur seinen Brentano lesen. Direkt am Teich herrschte eine himmlische Ruhe. Nur ganz vereinzelt lagen ein paar mehr oder weniger oder gar nicht bekleidete Sonnenanbeter am Strand, die ihn aber nicht störten. Er fand einen schönen Liegeplatz zwischen zwei Findlingen und breitete seine mitgebrachte Decke aus auf der er sich kurz darauf nackt ausbreitete. Oliver griff nach seinem Buch, schlug es auf und las unkonzentriert immer wieder den gleichen Satz bis es ihm zu bunt wurde und er es zuschlug. Danach überfiel ihn eine leichte Müdigkeit und er schlief ein.

Als er wieder zu sich kam, stellte er fest, dass es merklich kühler geworden war, trotzdem wollte er sich diesem Refugium zwischen den großen Steinen und dem Rauschen der kleinen Wellen nicht entziehen. Er döste einfach vor sich hin mit einem Blick ins große Nichts. „Komisch, dieses Gefühl hat mich doch heute schon einmal eingeholt!“, sinnierte er. Einige Meter, aber in guter Sichtweite, lag ein junger Mann, der Oliver bisher nicht aufgefallen war. „Noch einer, der mit seinem Sonntag nichts anzufangen weiß!“, dachte er, schenkte ihm aber keine weitere Aufmerksamkeit. Eher uninteressiert blätterte er wieder in seinem Buch und las wieder den Satz den er vor einer Stunde schon mehrfach überflogen hatte. Ein leichtes Nieseln setzte ein. Oli zog sich an, packte seine Sachen und ging zurück zu seinem Auto, um den Heimweg anzutreten. Auf halber Stecke bemerkte er Schritte hinter sich. Oliver drehte sich um und sah den Typen mit Fahrrad vom Strand in ganz kurzer Entfernung hinter sich. Noch ehe er sich versah grinste ihn dieser an und fragte: „Kann man sich hier irgendwo treffen?“ Oli schaute ihn leicht irritiert an und meinte: „Wie, ich verstehe nicht so ganz, ich …!“ Er brach mitten im Satz ab. „Wer bist du denn!“, hörte er sich fragen, gleichzeitig dachte er wie er seinen verblödeten Gesichtsausdruck wieder loswerden würde. All das schien den Typen nicht zu stören denn er lächelte Oliver auf eine unverschämte Art an. „Ich heiße Niklas und du?“, gab der Fremde preis. „Oliver!“, platzte es aus ihm heraus. Dann herrschte Stille. Nach einigen Sekunden nahm dieser Niklas die Fäden wieder auf, es kam zu einer unverfänglichen Unterhaltung. „Bist du das erste Mal hier, woher kommst du, was machst du“ „Blablabla Laber Rhabarber!“, schoss es Oli durch den Kopf. Von einem Moment zum anderen hörte sich Oliver fragen, ob man nicht noch einen Kaffee trinken solle. Niklas gefiel der Vorschlag und er teilte seinem Gegenüber mit, dass er ganz in der Nähe wohnen würde, allerdings nicht allein und er deshalb keine Möglichkeit bei ihm zu Hause sehen würde. Oli sprang über seinen Schatten indem er vorschlug, dass er ebenfalls nicht so weit weg leben würde und man ja die plötzlich wieder aufkommende Abendsonne auf seinem Balkon genießen könne. „Dann bringe ich schnell mein Fahrrad zu mir und hole mein Auto in zehn Minuten bin ich wieder hier, wartest du auf mich?“, fragte der Typ eine Spur vorsichtiger als zu Beginn des Gespräches. Oliver blieb stumm. Niklas radelte davon. Mit einem merkwürdigen Gefühl in der Magengegend ging Oliver zu seinem Renault. Er setzte sich hinein und dachte: „Spinner, kommt sowieso nicht, aber zehn Minuten kann ich ja warten, versäume ja nichts!“

Niklas war inzwischen daheim angekommen, stellte sein Fahrrad hinters Haus, schloss die Haustür auf und griff nach seinem Autoschlüssel, der auf der Kommode lag. „Was passiert hier eigentlich gerade? Kenne den doch gar nicht, gleich in seine Wohnung … hm … vielleicht ist der abartig veranlagt, fesselt mich und dann …!“, fuhr es ihm durch den Kopf. Er warf aber alle Bedenken über den Haufen, schmiss sich in seinen pinkfarbenen Fiat Uno und fuhr Richtung Feldweg. Wie verabredet wartete Oliver dort. Als er Niklas‘ Auto erblickte lachte er: „Das Teil passt zu dir, fahr einfach hinter mir her, wir sehen uns dann bei mir!“ Auf der Rückfahrt behielt er Niklas’ Fiat über den Rückspiegel im Auge. „Was will ich eigentlich von dem?“, dachte Oli und hatte in diesem Moment nicht wirklich den leisesten Verdacht, was diese Aktion jetzt solle. Auf dem Parkplatz vor seinem Haus angekommen sprang er aus seinem Auto und lief zu Niklas. Seine Stimme überschlug sich fast als er ihn bat noch einen Augenblick zu warten bevor er im zweiten Stock bei Lauenstein klingeln solle.  Niklas verstand dieses Verhalten nicht so ganz war aber einverstanden. Oliver rannte los, siedend heiß fiel ihm ein, wie seine Bude aussah. Er wollte noch notdürftig aufräumen, doch als er seine Wohnung betrat klingelte es schon. „Mist, na egal, dann sieht es ebenso aus wie es aussieht!“ Kurz darauf stand Niklas im Korridor seiner Wohnung.

„Eine seltsame Ansammlung alter Möbel!“, durchfuhr es Niklas als er das große Wohnzimmer betrat. Kurz darauf war er fasziniert über den herrlichen Ausblick vom Balkon über die Stadt. Unterdessen hatte Oliver umständlich auf einem alten Jugendstilstuhl Platz genommen, der wackelte. Besonders gern mochte er die Teile nicht, aber sie waren von seinen Großeltern ererbt und aus einer Tradition heraus konnte er sich nicht von ihnen trennen. Er war nervös und gleichzeitig erstaunt, wie souverän Niklas umherging und alles betrachtete. Oli war nicht sicher, was jetzt passieren sollte und schwieg. Auch von Niklas kam kein Wort. Er hatte es sich inzwischen auf dem Balkon gemütlich gemacht und streckte sich. Oliver trat heraus und durchbrach die Stille mit einem ironischen: „Coffee, Tea or me?“ Niklas sah ihm jetzt mit seinen stahlblauen Augen direkt ins Gesicht. Beide waren sich so zugewandt, dass einer des anderen Atem spüren konnte. Dann verbrannte sie der Augenblick.

Der spätere Abend tauchte das Schlafzimmer in sattes Blau. Noch ziemlich benommen erwachte Oliver und beobachtete Niklas beim Schlafen. „Wie ein Kind!“, dachte er. Wieder musste Oli an den Film Julia du bist zauberhaft denken, der seit Jahren zu seinen erklärten Lieblingsstreifen zählte. Eine alternde Schauspielerin verliebt sich Hals über Kopf in einen attraktiven jungen Mann, beginnt eine Affäre und kehrt letztlich doch in den heimischen Ehehafen zurück. Obwohl der Film überhaupt nichts mit Olis augenblicklicher Lage zu tun hatte gefiel ihm der Gedanke. Er ertappte sich immer wieder dabei, manchmal taten das auch andere, dass sich Oliver gern über Zitate, Filme oder Bücher definierte. Ganz vorsichtig kuschelte sich Oli an Niklas und spürte wieder seinen Atem. Niklas schlug die Augen auf und schaute ihn verklärt an. Es lag nichts Fremdes zwischen ihnen. „Du bist mir gleich aufgefallen, als du dich auf eine Decke gelegt hast!“, sagte er lächelnd. „So, du mir gar nicht!“, entgegnete Oli. In diesem Moment fielen Niklas Olivers Hände auf, die ihm ausnehmend gut gefielen. Niklas griff nach ihnen und ließ sie über seinen Körper gleiten. „Was machst du da!“, fragte Oli eine Spur zu forsch. „Ich spüre die schönsten Hände, die mich jemals berührt haben!“, schwelgte Niklas und klang dabei wie aus einer völlig anderen Welt. Er entzog ihm seine Hände und fuhr Niklas durchs Haar. „Weißt du, dass diese Finger heilende Wirkung haben, zumindest Kräfte!“, gab Oliver etwas an. Niklas stutzte. „Dann leg sie bitte hier auf mein Herz!“,  bat er. Oli verstand nicht genau, was damit gemeint war, tat es aber und streichelt seine Herzgegend unterhalb der Brust. Kurz darauf erfuhr Oliver die Leidensgeschichte von Niklas in groben Zügen. Seine Eroberung stand kurz vor einer schweren Herzoperation, die in wenigen Wochen geplant war. Oli hörte zu, wirklich betroffen war er aber nicht, er war viel zu sehr damit beschäftigt, den Augenblick zu genießen. Niklas redete ohne Punkt und ohne Komma. „Komisch!“, dachte Oliver immer wieder, „ich habe doch gar nichts gefragt und er erzählt mir sein ganzes Leben!“ So erfuhr er von zwei jüngeren Schwestern, die noch in Leipzig bei seinen Eltern lebten, von der Tischlerei des Vaters, einer ängstlichen Mutter und vieles mehr. Lauter Dinge aus der Vergangenheit. Oliver fiel aber auf, dass Niklas über die Gegenwart gar nicht sprach. Auch wenn von diesen Informationen nicht viel übrig blieb an diesem Abend so machte sich bei Oliver ein Gefühl breit, das ihm fremd war und jetzt noch nicht begreifen konnte.

Als Niklas zufällig zur Uhr sah sprang er mit einem Satz aus dem Bett. „Oh Gott schon zehn, mein Freund ist in München und kann bereits angerufen haben, habe dann Probleme meine Abwesenheit zu erklären!“ In Oliver kam ein erster leiser Verdacht auf, aber um auf die Äußerung einzugehen war es jetzt zu spät. Er hatte den Eindruck, dass dieser Niklas in absoluten Zwängen lebt, aber auch das wollte er jetzt nicht vertiefen. Als Niklas wenig später aus dem Bad kam drückte Oli ihm seine Visitenkarte in die Hand und sagte vorsichtig: „Deine Kontaktdaten wirst du mir ja wohl nicht geben können!“ Niklas zögerte einen Augenblick sagte aber nichts, sondern küsste Oliver. An der Wohnungstür erhielt Oli eine flüchtige Umarmung und der Gast verabschiedete sich mit den Worten: „Ich melde mich mal …!“ Dann war er verschwunden. Oliver rannte ins Schlafzimmer und riss das Fenster auf. Er wollte keinen schalen Nachgeschmack  spüren, wollte die letzten Stunden einfach herauswehen lassen. Nach einer ausgiebigen Dusche rief er seinen Freund Alex Pohn an, der seit Jahren als sein Privatpsychologe agierte. Ausführlich erzählte ihm Oli von den Erlebnissen des Abends. Alex maß den Informationen noch keine große Bedeutung bei freute sich aber für Oliver. Wenig später fand sich Oliver, eine Zigarette rauchend auf dem Balkon wieder. Er fühlte sich von Lavendel umhäkelt, was nichts mit den Pflanzen in den Kästen zu tun hatte.

 

Die nächsten drei Wochen erfolgt eine abenteuerliche Suche, die Oliver sehr erfindungsreich macht (dieser Satz ist kein Auszug aus dem Buch!)

 

  1. Jetzt wird es ernst

 

Nach diesem Gespräch brauchte Oli erst einmal eine Dusche und danach einen starken Kaffee. Unter dem Wasserstrahl fiel ihm sein heutiges Vorhaben wieder ein. Irgendwie freute er sich darauf, konnte sein ungutes Bauchgefühl aber auch nicht unterdrücken. Nach einem kleinen Frühstück wählte er gegen dreizehn Uhr Brummers Nummer. Oli ließ es mindestens fünfzehn Mal klingeln, es tat sich nichts. Er versuchte sich abzulenken, leerte den Briefkasten, schaltete den Fernseher ein und aus und aus und ein. In einer Daily-Talkshow wurde das Thema Heiraten ist mein Hobby zum Besten gegeben. Genervt schaltete er das Gerät aus und wählte zum zweiten Mal die besagte Nummer. Wieder nichts! Von nun an wählte er zunächst im Halbstunden- später im Viertelstundentakt die Telefonnummer. Niemand nahm ab. Irgendwann rief er die Störungsstelle an und erkundigte sich, ob mit Brummers Anschluss etwas nicht in Ordnung sei. Die Auskunft, dass alles okay sei, machte ihn fast wahnsinnig. Mittlerweile fing Oli an sich selbst für verrückt zu halten. „Die Nummer stimmt doch!“, schärfte er sich die Zahlenkombination noch einmal ein, indem er sich mit den Fäusten gegen die Schläfen hämmerte. Nach mehreren Kaffees, öden TV-Programmen und verworrenen Gedanken hielt er es nicht mehr aus. Er griff nach seinem Autoschlüssel und rannte hinunter zum Parkplatz, sprang in seinen R4 und wollte losfahren. Plötzlich wurde er wieder klar und dachte: „Was willst du da, da ist jetzt keiner, du Idiot!“. Langsam stieg er aus dem Fahrzeug und ging wieder nach oben. Dort angekommen griff er sofort zum Telefon und wählte die in Fleisch und Blut übergegangene Nummer. Es klingelte zweimal.

„Ja, hallo!“, meldete sich eine ihm sehr vertraute Stimme. Oli war wie gelähmt. Plötzlich hörte er sich sagen: „Wenn du jetzt nicht sprechen kannst, sag bitte falsch verbunden und leg auf!“ Er war sich absolut sicher, dass Niklas am anderen Ende der Leitung war. „Wer ist denn da?“, fragte Niklas. „Oliver, hier ist Oliver, erinnerst du dich vor rund drei Wochen am See und später bei mir?“, stotterte er in den Hörer und war unfähig ganze Sätze zu sprechen, das Herz schlug ihm bis zum Hals. Dann herrschte Stille, die Oliver kaum aushielt. „Niklas, du bist doch Niklas?“, fragte er zögerlich. Als Antwort kam lediglich ein lang gezogenes „ja“. Von einer Sekunde zur anderen brach aus Oliver ein lautes und befreiendes Lachen heraus. Dann herrschte wieder Stille. Diese unterbrach der Anrufer mit dem Satz: „Ich dachte schon, ich hätte mir alles nur eingebildet und dich gibt es gar nicht!“ „Was?“, fragte Niklas einsilbig. Oliver saß noch immer die Angst im Nacken, Niklas könne alles hier und sofort abbrechen und ihm sagen, dass er nie wieder anrufen soll. Aber nichts dergleichen passierte. Stattdessen kam wieder Stille auf, das Eis war also noch keineswegs gebrochen. „Weißt du wie lange ich nach dir gesucht habe und jetzt bist du am Telefon, du kannst dir gar nicht vorstellen wie mir unser Abend in Erinnerung geblieben ist!“, durchbrach er die Stille und war beseelt. Jetzt taute Niklas etwas auf und erwiderte: „Für mich war es auch mehr als zur Seite gesprungen!“ Oli verstand nicht und fragte nach. Niklas fuhr fort und erzählte, dass er von Anfang an gesagt hätte, dass er einen Freund hat und Oliver jetzt wohl auch wisse, um wen es sich handelt. „Und bist du glücklich?“, warf Oliver ein. Es kam keine Antwort. Um Gesprächspausen zu vermeiden schob er eine Frage nach der anderen nach: „Warum hast du dich denn nie gemeldet?“ Niklas zögerte einen Moment und formulierte dann umständlich: „Ich hatte immer gehofft, dass du eines Morgens auf dem Bahnsteig stehen würdest, ich hatte doch über mein Studium in Göttingen gesprochen!“ „Ich war so oft da, habe sämtliche Parkplätze um den Bahnhof herum abgeklappert aber nirgendwo dein Auto entdeckt!“ „Merkwürdig, ich habe doch einen festen Platz, den hättest du sehen müssen!“ Oli schien verwundert: „Na gut, dann weiß ich es ja zukünftig!“ Plötzlich nahm Niklas den Faden wieder auf: „Es war so viel los in den letzten Wochen, meine Mutter hatte extreme Kreislaufprobleme und lag im Krankenhaus, ich war jedes Wochenende dort. Am ersten Juli werde ich selbst wegen der Herz-OP in die Klinik gehen, von der ich dir erzählte, ach, ich habe so oft an dich gedacht!“ Der letzte Satz kam fast seufzend. Oliver schwebte dahin bei diesen Worten. Er war nicht in der Lage etwas von sich zu geben. Niklas fuhr fort: „Erinnerst du dich noch, dass ich so zögerlich reagierte als du nach meinem Namen und meiner Nummer fragtest?“ „Ja klar, ich weiß es noch ganz genau!“ Wieder kam Stille auf. Unvermittelt ergriff Niklas wieder das Wort: „Hast du heute den ganzen Nachmittag hier angerufen?“ „Wer sonst!“, konterte Oli. „Normalerweise gehe ich nicht an den Apparat meines Freundes, aber es klingelte so hartnäckig, da dachte ich, es sei etwas passiert!“ „Folglich hast du eine eigene Nummer!“, fragte Oli. „Ja, jetzt gebe ich sie dir, hast du etwas zum Schreiben?“ „Dann schieß mal los!“ Niklas diktierte: „Drei Drei Eins Vier, die Vorwahl hast du ja! Kannst du mich unter der Nummer bitte gleich wieder anrufen, ich möchte diesen Anschluss hier nicht blockieren.“ „Okay, bis gleich!“, freute sich Oliver. Schon wenige Sekunden später hatten sie sich wieder am Telefon. Sie redeten über Gott und die Welt und merkten gar nicht, dass es draußen schon zu dämmern begann. Beim Blick zur Uhr stellte Niklas fest, dass es schon nach einundzwanzig Uhr war und sein Freund jeden Moment zurückkommen kann. „Ich muss jetzt schließen, mein Freund kommt jeden Moment nach Hause!“ Oliver hatte noch eine entscheidende Frage und stellte diese unumwunden. „Wann sehen wir uns wieder!“, platzte es aus ihm heraus. „Freitagabend hat Dicki einen Sitzungstermin, ich weiß aber noch nicht genau wann und wie lange es dauern wird. Ich rufe dich Freitagnachmittag an, okay?“, antwortete Niklas. „Ach, jetzt habe ich so lange gewartet, was machen da noch zwei Tage aus!“, freute sich Oli ehrlich. Wie aus einem Munde sagten beide: „Na, dann bis Freitag, ich freue mich!“ Als das Gespräch beendet war schlug Oliver sich auf den Oberschenkel und stieß einen lauten Freudenschrei aus.

Der weitere Verlauf des Abends ließ sich für Oliver kaum in Worte fassen. Überglücklich und wahllos rief er alle Freunde und Involvierten der letzten Wochen an und teilte allen die Geschehnisse mit. Maja meinte: „Das ist ja ein Bombenerfolg, ganz ehrlich, ich hätte nicht mehr damit gerechnet!“ „Sagen wir lieber ein kleiner Teilerfolg, noch ist ja gar nichts erreicht!“ „Nein, nein, ich habe es ja neulich schon bei deinem Besuch orakelt!“ Sie war in ihrem Überschwang nicht zu bremsen. Selbst Alex war über die Courage seines Freundes erstaunt: „Du hast es tatsächlich gemacht, Glückwunsch!“ Alex war wirklich überrascht, wenn er Oliver auch gut kannte, war ihm erst jetzt bewusst, zu was er alles fähig war. Erst um Mitternacht stand Oli unter der Dusche und genoss den heißen Wasserstrahl. Er hatte das Gefühl, die Traurigkeit und die immer wieder zerschellten Hoffnungen der letzten Wochen einfach im Abfluss verschwinden zu lassen. Trunken vor Glück fiel er danach ins Bett.

Die nächsten beiden Tage ließen ihn auf Wolke Sieben schweben. Seine Laune war in absoluter Hochstimmung. Selbst ein nervenaufreibendes Gespräch mit seinem Kollegen Alfred Winzig, der sich oft selbst im Wege stand, meisterte Oli mit Bravour. Es war bereits halb fünf als Oliver am Freitagnachmittag die Redaktion verließ. Auf dem Parkplatz ereilte ihn ein merkwürdiger Gedanke, der ihn in den nächsten Wochen immer wieder erreichen sollte. „Wenn du in den nächsten fünf Minuten mindestens fünf Autokennzeichen mit einem N, wie Niklas, sehen solltest, wird alles gut!“, dachte er. Auf der Heimfahrt fielen ihm sogar neun Fahrzeuge mit dem besagten N ins Auge. Als er seine Wohnung betrat fiel sein Blick sofort auf den leuchtenden Anrufbeantworter. Erwartungsvoll drückte Oli die Abhörtaste und lauschte andächtig der ihm schon vertrauten Stimme. „Hallo, hier ist Niklas, ich komme heute vielleicht um sieben oder um acht vorbei, aber ich melde mich noch mal, tschüss!“ Oliver stutzte und verstand nicht so recht, was Niklas ihm sagen wollte. Das Wort vielleicht gefiel ihm nicht und die ungenaue Zeitangabe irritierte ihn. Trotzdem wollte er sich seine Laune nicht vermiesen lassen und brach in Aktivismus aus. Obwohl seine Putzfrau Olga erst gestern da war, griff Oli zu Scheuermilchflasche und schrubbte die Badewanne und die Toilettenschüssel. „Dieses Mal sollte alles blitzblank sein, nicht wie beim ersten Besuch von Niklas!“, nahm er sich vor. Während der Putzphase klingelte das Telefon. „Hallo, hier ist Niklas, ich muss jetzt schnell noch einkaufen und komme dann in ungefähr dreißig Minuten zu dir, ich freue mich!“ Oliver konnte seine Glücksgefühle kaum noch im Zaum halten und erwiderte ein viel zu lautes „Oh super, ich mich auch!“ Trotz des benommenen und beseelten Gefühls stieg ihm ein merkwürdiger Geruch in die Nase, der aus der Küche kam. „Oh, Scheiße Olga hat wieder vergessen den Biomüll zu entsorgen!“, fuhr es ihm durch den Kopf. Er griff nach dem Eimer und lief die Treppe herunter zu den Müllcontainern.

 

  1. Junger Mann mit roter Rose (Auszug)

 

Obwohl Oliver sich vorgenommen hatte erst einmal miteinander zu reden konnten sie schon im Lift nicht voneinander lassen. Ihre Münder pressten sich aneinander und ihre Zungen wurden eins. Oben angekommen kannte ihre Lust keine Grenzen mehr, die Wohnungstür knallte ins Schloss und beide rissen sich gegenseitig die Klamotten vom Leib. Niklas’ Zunge glitt langsam an Olis Körper herunter, als diese seinen Schwanz erst zaghaft, dann aber immer fester, leckte und saugte hatte Oliver das Gefühl fliegen zu können. Er zog Niklas wieder hoch und küsste ihn erneut. „Komm, lass uns ins Schlafzimmer gehen!“, vernahm er Niklas heftig stöhnend.“ Wenige Sekunden später lagen sie übereinander und bliesen sich gegenseitig ihre Schwänze. Niklas schien sehr ausgehungert zu sein, denn kurz darauf spritzte er Oliver sein perlweißes Sperma ins Gesicht. „Rotz mich auch voll, ich will deinen heißen Saft auf mir spüren!“, schrie Niklas in Ekstase. Oli war so aufgegeilt, dass er seinem Gespielen die ganze Ladung auf den Sack spritze und das feuchte Nass darauf verrieb. Niklas stöhnte erneut und bäumte sich auf. Jetzt packte er Olis Kopf und schob ihm seine Zunge noch tiefer in den Hals als vorhin hinter der Wohnungstür. Dieses sich In- und Aneinandersaugen kannte keine Grenzen. Als sich ihre Zungen lösten blieben Arme und Beine ineinander verschlungen und sie schliefen ein.

Es war noch hell als Oliver erwachte und dachte, dass es gefühlt schon Mitternacht sein müsste. Ein Blick zum Wecker zeigte aber, dass es gerade mal zwanzig nach acht war. Er spürte Niklas’ Atem neben sich, ….

 

  1. Die Party

 

Den ganzen Samstag über herrschte hektisches Treiben im Haus von Oswald Brummer. „Gut, dass man einen großen Garten hat bei diesem Sommerwetter, man braucht zwar regelmäßig einen Gärtner, aber es lohnt sich. Wie sollte man die heutige Party im Wohnzimmer mit vierzig geladenen Gästen sonst bewerkstelligen!“, dachte Dicki als er nachmittags noch einmal das gesamte aufgebaute Szenario begutachtete. Er ging über den Rasen und verteilte auf den Tischen Zigaretten und Streichhölzer. Zehn runde Tische, gemietet, unter zehn weißen Tischdecken, auch gemietet, vierzig Stühle und am Rand des Rasens die Stellfläche für das Buffet, mit hübscher Blumendekoration, Tellern, Gläsern, Besteck, alles gemietet. Bis auf die Blumen, die musste Oswald kaufen. Sein Kontrollzwang hatte Niklas schon beim Anliefern des Geschirrs zur Weißglut gebracht. Es war Dicki nicht sauber genug, sodass sein Freund in der Küche alles noch einmal spülen musste. Ansonsten hatte der Partyservice Perfekt feiern ganze Arbeit geleistet. Eine junge Frau in schwarz gekleidet mit weißem Schürzchen und Häubchen trat aus dem Wohnzimmer auf die Terrasse, Fräulein Zack – ebenfalls gemietet. Oswald winkte sie zu sich: „Guten Tag Fräulein …!“ „Zack!“, komplettierte sie ein wenig zu forsch die Begrüßung. „Ich denke, Sie wissen, wie es bei solchen Festivitäten zugeht, nicht wahr!“, versuchte er sie anzuweisen. „Ja, ja gestern hatte ich ne goldene Hochzeit, übermorgen ne Trauerfeier, das hält einen auf Trab!“, antwortete sie auf ihre burschikose Art. „Also dann Fräulein Zack, ich erwarte vierzig Gäste: Kollegen, Freunde mit ihren Ehepartnern. Wenn es läutet öffnen Sie die Tür, machen eine kurze Verbeugung vor den Neuankömmlingen und nennen dann laut und deutlich die Namen der Besucher. Ich gebe Ihnen noch eine Liste. Anschließend schweben Sie bitte als guter Geist über allem, dann kann ich mich selbst als Gast auf meiner eigenen Party fühlen. Verstehen Sie, was ich meine?“, fragte Oswald eine Spur zu scharf. „Na dann geh’n Se mal ins Haus und rauchen ne Beruhigungszigarette ich mach das schon!“, beruhigte sie Brummer. Unterdessen klingelte es an der Haustür. Frau Metzgermeister Schmalz samt Gefolge stand mit Aufschnittplatten, Braten, Brotkörben und vielen weiteren Delikatessen vor der Tür und bahnte sich sogleich einen Weg durchs Wohnzimmer in den Garten. Sie hatte einen ziemlich rüden Ton ihren Mitarbeitern gegenüber am Hals und ihr Name Schmalz machte ihrem Aussehen alle Ehre. Ständig wies sie die Angestellten an, sich zu beeilen, da die ersten Gäste bald eintreffen würden. Gegen halb sieben war alles perfekt gerichtet und das Schmalz-Team eilte davon. Um neunzehn Uhr läutete es erneut, die ersten Besucher waren angekommen. Isolde Zack öffnete die Haustür, verbeugte sich leicht und hieß die Gäste im Namen Brummers willkommen. „Laut und deutlich soll ich die Namen nennen!“, fiel ihr plötzlich wieder ein. Es folgte dann ein zu lautes eher geschrienes: „Herr Professor Sommerauer nebst Frau Gemahlin!“ Brummer der im Garten stand und am Buffet naschte schüttelte über die Tollpatschigkeit nur den Kopf: „Kein Stil, diese Person!“ Er setzte sich in Bewegung und ging mit ausgebreiteten Armen auf die beiden zu: „Liebste Renate, mein lieber Ludwig, schön, dass Ihr da seid, herzlich willkommen!“ Niklas lehnte unterdessen an der Terrassentür und beobachtete die Szenerie, niemandem fiel auf, dass er noch seine rosa Gummihandschuhe vom Spülen trug. Er stach aber Renate Sommerauer sofort ins Auge und sie fragte den Gastgeber, wer der schüchterne junge Mann dort drüben sei. Brummer erklärte ihr seinen Liebhaber als seinen Neffen aus Leipzig, der aber heute Abend noch zurückfahren muss, da er dort beruflich zu tun habe. „Sie wollen schon so bald wieder fort!“, rief ihn Frau Sommerauer zu sich. Renate war kinderlos, jetzt in den Fünfzigern trotzdem oder gerade deshalb jederzeit bereit der Jugend offen gegenüber zu treten. Kurzum verwickelte sie Niklas in ein Gespräch. Brummer blickte argwöhnisch und dachte: „Hoffentlich verquatscht sich der Idiot nicht!“ Dann wandte er sich wieder dem Professor zu. Fräulein Zack rief plötzlich: „Chefarzt Dr. Wetterling und Frau Wetterling!“ Oswald verdreht erneut die Augen und dachte: „Von Berufsbezeichnung habe ich der Kuh nichts gesagt!“ Wieder breiteten sich seine Arme aus: „Werte Frau Wetterling, Herr Doktor, das ist eine Freude, Sie in meinem Hause zu haben, Sie bereichern diese Party! Herrn Professor Sommerauer und seine Gemahlin kennen Sie ja und das ist Niklas Stolzer, ein Verwandter aus Leipzig, der nachher aber schnellstens zurückfahren muss!“, wiederholte Oswald sich an diesem Abend mehrfach. „Ich könnte kotzen über so viel Verlogenheit!“, dachte Niklas. Dann klappte die Eingangstür zum Haus unaufhörlich. Fräulein Zack hatte alle Mühe, die Namen und Titel auseinander zu halten. Inzwischen hatte sich Niklas wieder in die Küche zurückgezogen, er konnte und wollte dem Treiben dort draußen nichts abgewinnen, in seinen Gedanken war er ein paar Kilometer entfernt, bei Oliver. Der Abend zog sich in die Länge, immerzu schaute er nervös zur Uhr: „Oliver wird sich schon Gedanken machen, wo ich bleibe!“

 

  1. Wie von Sinnen

 

Missmutig, unausgeschlafen und schlecht gelaunt erschien Oliver am nächsten Morgen im Büro. Beate Rabe brachte es auf den Punkt: „Du siehst aus wie Scheiße auf Reis, hat wohl alles nicht geklappt, wie du es Dir vorgestellt hast?“ Oli sah zu ihr auf und zündete sich eine Zigarette an. „Los erzähl!“, forderte ihn die Kollegin auf. Er erzählte detailgenau wie der Sonntag abgelaufen war und natürlich von Niklas‘ etwaigen Weihnachtsreiseplänen mit Brummer. „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“, schrie Beate, „zeig ihm die Stirn, zeig ihm, dass er das nicht mit dir machen kann!“ Oliver war nicht in der Lage zu antworten, stöhnte laut auf und begann zu weinen. „Oh, Scheiße, dir geht es ja wirklich schlecht, am besten du gehst zum Arzt und lässt dich ein paar Tage aus dem Verkehr ziehen.“ „Nein, es geht schon wieder, ich gehe mal auf die Toilette und lasse Wasser über mein Gesicht laufen.“, antwortete er mit fast erstickter Stimme. „Was ist denn hier los?“,  Herr Brasse steckte seinen Kopf in die Tür. „Herr Lauenstein hat sich verschluckt!“, log Beate Rabe geistesgegenwärtig. Oli rannte unterdessen an ihm vorbei und steuerte auf das Klo zu. Das Wenige, was er gestern gegessen, hatte landete dort sofort in der Schüssel. Ihm war speiübel und er übergab sich. „Alles okay?“, rief Brasse von draußen, der ihm gefolgt war. „Ja, geht gleich wieder!“, stöhnte Oliver zurück. Als er wenige Minuten später wieder in seinem Büro saß, kam Frau Beil-Landauer auf ihn zu: „Herr Brasse sagte mir eben, dass es Ihnen nicht gut geht, gehen Sie doch nach Hause und ruhen Sie sich aus!“ Oliver versuchte zu lächeln: „Ich muss mir den Magen verdorben haben, denke aber, dass es morgen wieder gehen wird, danke!“ „Schon gut, bessern Sie sich!“, verabschiedete sie ihn und sah ihn fast mitleidig an. Oli packte seine Sachen und fuhr nach Hause. Dort angekommen überfiel ihn eine Schwere und Müdigkeit. Ohne sich auszuziehen fiel er aufs Bett und schlief ein.

Gegen fünf weckte ihn das Läuten des Telefons. Oliver war immer noch ein wenig benommen als er zum Hörer griff. „Hallo, hier ist Niklas.“, hörte er ihn vorsichtig sagen. „Was ist?“, antwortete Oli scharf. Niklas schwieg. Nach einigen Sekunden fragte er Oliver, ob er morgen Abend vorbeikommen könnte. Zu jedem anderen Zeitpunkt hätte Oliver über den Vorschlag gejubelt, jetzt entsprang ihm nur ein monotones „Ja“. Sie verabredeten sich für Dienstagabend um achtzehn Uhr. „Ob er sich entschieden hat?“, spekulierte Oli nachdem er den Hörer aufgelegt hatte, aber er war immer noch zu erschöpft, um seine Gedanken jetzt ausschweifen zu lassen. Zerknirscht ging er wieder ins Bett und schlief weiter. Am Dienstagmorgen wachte er erst gegen halb zehn auf und fühlte sich besser. Trotzdem rief er Frau Wang an und meldete sich krank, teilte aber mit, dass es morgen wieder gehen würde. Irgendwie erschien ihm die Dame verständnisvoller als sonst, aber er wollte daran jetzt keinen Gedanken verschwenden. Nach einer Dusche und mehreren Tassen Kaffee blickte er sich in seiner Wohnung um und fand, dass es Zeit wäre aufzuräumen und zu putzen. Er setzte die Idee sofort in die Tat um. Nachmittags fuhr er an den Niklassee und ging dort spazieren. Die frische Luft tat ihm gut, er fühlte sich ein wenig befreit vom gestrigen Abend und fing an sich auf den Besuch von Niklas zu freuen. „So leicht mache ich es ihm aber nicht!“, sinnierte er auf der Heimfahrt und grinste.

Um achtzehn Uhr klingelte Niklas zaghaft an Olis Wohnungstür. Da die Haustür offen stand hatte er sich beim Gang durchs Treppenhaus Zeit gelassen. Ihm war überhaupt nicht klar, wie ihn Oliver empfangen würde. Angst machte sich breit. Oli öffnete und Niklas strahlte ihn an. Wortlos fielen sie sich in die Arme und konnten sich nicht mehr loslassen. „Ich konnte es nicht erwarten, dich zu sehen!“, flüsterte er Oliver ins Ohr. Der griff nach seiner Hand und führte ihn ins Wohnzimmer. Jetzt saßen beide stumm nebeneinander. Jeder hatte den Eindruck, dass jedes Wort, das jetzt gesagt  werden würde, falsch sein könnte. Plötzlich schmiegte sich Niklas an ihn. „Soll ich etwas Musik auflegen, vielleicht Klassik, die Zauberflöte von Mozart?“, fragte er unbeholfen. Niklas lächelte: „Deine Zauberflöte wäre mir jetzt lieber!“ Mit einem Satz schmiss er sich auf Oliver und küsste ihn, der erwiderte die Zärtlichkeit heftig. „Lass uns ins Schlafzimmer gehen!“, forderte ihn Oli auf. Halb angezogen, halb nackt wälzten sie sich auf dem Bett. Oliver kam es vor wie beim ersten Mal. Gegen zwanzig Uhr erwachte Oli und schaute Niklas wieder beim Schlafen zu. „Wenn ich ihn jetzt nicht wecke, schläft er vielleicht durch und dann haben wir morgen früh eine Entscheidung!“, fuhr es ihm durch den Kopf. Doch so vermessen war Oliver nicht, zärtlich streichelte er Niklas‘ Wange bis er die Augen aufschlug. „Es ist acht Uhr, wieviel Zeit hast du noch?“, fragte Oliver. „Muss gegen neun zu Hause sein, also keine Hektik.“ Dann stand er auf und ging ins Bad, das er kurz darauf angezogen verließ. Oliver lag noch im Bademantel auf dem Bett. Als er Niklas sah war er erstaunt, dass er schon seine Sachen anhatte. „Wir machen es ohne Hektik, ich fahre jetzt gemütlich nach Hause.“, lächelte ihn Niklas an. „Okay, es war schön mit dir!“, entgegnete Oli. Ein langer Kuss im Flur beendete den Abend. Beim Hinausgehen drehte sich Niklas noch einmal um und sagte unvermittelt: „Wir haben uns übrigens entschieden, Oswald hat über Weihnachten Zypern für uns gebucht!“ Oliver war geschockt, er konnte unmöglich glauben, was er eben gehört hatte. Mit versteinerter Miene sah er Niklas davoneilen. Langsam bewegte er sich in die Küche und griff nach einer Cognacflasche, die er sich an den Mund hielt. Er trank einen so heftigen Schluck, dass er husten musste. Sein Hals brannte, da er harte Sachen nicht gewöhnt war. „Dieses Arschloch!“, schrie er laut, „diese Drecksau! Ich scheine hier nur für ein bisschen Abwechslung da zu sein und sein Leben lebt er mit diesem Brummer!“ In Windeseile zog er sich an, griff nach seinem Autoschlüssel und rannte auf die Straße. Wütend stieg er in sein Auto und brauste wie von Sinnen davon. Zehn Minuten später parkte er vor Brummers Haus. Entschlossen stieg er aus und ging durch den Vorgarten direkt auf die Haustür zu. Er klingelte Sturm! Ein erschrockener Niklas öffnete ihm. „Es ist mir scheißegal, ob dein Dicki jetzt da ist oder nicht, von mir aus kann er alles hören, dann sieht er endlich, was du für ein Spiel mit uns treibst!“, brüllte er Niklas an. Der blieb ganz ruhig und sagte: „Komm rein!“ „Ach, ist der Herr des Hauses noch nicht da, na dann ist ja alles in bester Ordnung!“, Oli konnte sich überhaupt nicht abregen. Er gestikulierte wild und warf üble Schimpfwörter um sich. Dann sank er auf die Knie und heulte vor sich hin. Niklas stand ratlos neben ihm. Auch er war völlig überfordert mit der Situation. Draußen fuhr ein Auto vorbei und Niklas sagte leise: „Oswald kommt!“ Oli reagierte nicht. Er war eines klaren Gedankens nicht mächtig, nicht mal aufzustehen war ihm möglich. Niklas packte ihn an den Armen und zog ihn hoch. „Wage es nicht, mich jetzt zu küssen!“, brach es voller Hass aus ihm heraus. Er wurde von seinem Freund zur Haustür geschoben der ihm mitteilte, dass Oliver jetzt gehen soll. Heulend und wie in Trance ließ sich Oliver rausschmeißen. Niklas stand im Türrahmen und rief ihm hinterher, dass Oli seine Entscheidungen zu akzeptieren hätte. Irgendwie gelangte er an sein Auto, stieg ein, war aber nicht in der Lage den Zündschlüssel umzudrehen und wegzufahren. In den nächsten Minuten fuhr wirklich Brummers Wagen auf das Grundstück. Oli überlegte einen Augenblick ob er auf ihn zugehen solle, um ihm alles zu erzählen. Doch auch dazu wäre er nicht fähig gewesen. Es dauerte ungefähr eine Stunde bis er sich endlich gefangen hatte und fahren konnte. An der nächsten Straßenecke sah er eine Telefonzelle. „Ich weiß nicht wohin jetzt, möchte zu Alex!“, fuhr es ihm durch den Kopf. Kurzum rief er seinen Seelentröster an und erreichte nur den Anrufbeantworter. Wieder erstickte seine Stimme, er heulte einfach aus Band. Langsam ging er zu seinem R4 zurück, setzte sich hinein und fuhr nach Hause. „Das ist also das Ende, so schnell!“, jaulte er auf als er sich mit der Cognacflasche bewaffnet aus Sofa setzte. Nach und nach wurde der edle Tropfen in der Flasche weniger. Irgendwann kippte er zur Seite und schlief ein.

Völlig verkatert erwachte er man nächsten Morgen gegen halb elf. Er hatte keinen Plan, was er jetzt noch tun konnte. Nach einiger Zeit der Besinnung rief er Frau Wang an und entschuldigte sich weiterhin wegen Krankheit. „Aber das ärztliche Attest muss heute noch vorgelegt werden!“, hörte er sie in ihrer unerschöpflichen Unfreundlichkeit keifen. Dann legte er auf. Er ging ins Bad und stellte sich unter die Dusche, die ihm guttat. Danach rief er seinen Hausarzt Dr. Schröter an und bat um einen dringenden Termin, den man ihm für zwölf Uhr zusagte. Langsam zog er sich an und machte sich für den Arztbesuch fertig. Pünktlich erschien er in der Praxis. Seinem Hausarzt machte er nur vage Angaben über seinen Zustand, aber der attestierte ihm eine völlige körperliche Erschöpfung und zog ihn zehn Tage aus dem Verkehr. Die Bestätigung des Arztes warf er danach in den Hausbriefkasten der Zeitungsredaktion und teilte Frau Wang das telefonisch mit, die das nur mit einem „Na ja“ kommentierte.

Die nächsten Tage verkroch sich Oliver in seiner Wohnung, ging nicht ans Telefon, hatte keinen Appetit und sah irgendwie alles verschwommen. Am darauffolgenden Wochenende rief er Niklas noch einmal an. Klar, sachlich und ohne Emotionen teilte er ihm mit, dass er das Aquarell und die Konzertkarte gern zurückhätte. Niklas hatte dagegen nichts einzuwenden und erklärte ihm, dass er die Sachen in der nächsten Woche vorbeibringen werde oder sie mit der Post schickt. Dann legte Oli einfach grußlos den Hörer auf.

Am Montag der übernächsten Woche ging er wieder ins Büro und war halbwegs wiederhergestellt. Als er abends nach Hause kam lag vor seiner Wohnungstür eine große weiße Plastiktüte mit der Aufschrift LAUHENSTEIN. Oli schaute hinein und erblickte das Aquarell und die Konzertkarte. „Nicht mal meinen Namen kann der Idiot richtig schreiben!“, grinste er.