Hans-Peter Schmidt-Treptow – Das Leben ist kein Vollplayback

  1. So schnell geht das Unbekannt werden doch nicht

 

Inzwischen war es Herbst geworden. Seit Janas Rückzug aus der Glitzerbranche waren einige Wochen ins Land gegangen. Margarete Loew rief sporadisch an, um ihr mitzuteilen, dass immer noch Anfragen von Magazinen, Auftritten oder Talkshows kämen. „Nein, nein, nein und nochmals nein, du kennst meinen Entschluss!“, antwortete sie jedes Mal, fühlte sich aber trotzdem geschmeichelt, immer noch so gefragt zu sein. Das Motto stimmte also: ‚Mach dich rar, um erfolgreich zu sein!‘. Der Kontakt zu den sogenannten befreundeten Kollegen riss allerdings ziemlich abrupt ab.

Die Einzige, die sich regelmäßig meldete, war Sarah Silver, mit der sie gerade sprach. Erst in den letzten drei Jahren hatte sich zwischen den beiden Frauen so etwas wie eine Freundschaft entwickelt. Sahra kam in den 1950 er Jahren mit ihrer Familie aus Schweden nach Deutschland zurück. Sie war Deutsche, ihre Eltern emigrierten aber in den 1930 er Jahren nach Schweden. Sie waren Juden und mussten vor den Nazis fliehen. Die ganze Sippschaft Silberstein, so der bürgerliche Name, siedelte nach Westdeutschland über. Auch hier war es anfänglich schwer. Sarah machte aber ihr Abitur in Augsburg und arbeitete anschließend als Fahrkartenverkäuferin bei der Bahn. Sie war schon als junges Mädchen eine Schönheit und modelte nebenher für Brigitte und Burda Moden. Bei einem Shooting summte sie vor sich hin und fiel einem Musikproduzenten auf. Erste Schallplatten in den sechziger Jahren brachten allerdings noch keinen Durchbruch. Erst als sich ein paar Jahre später George Green ihrer annahm begann der tatsächliche Aufstieg. Er verpasste ihr eingängige Melodien mit höchst anspruchsvollen Texten. Bis heute sind ihre Lieder wie ‚Tränen des Regens‘ oder ‚Egal, wie es weitergeht‘ Evergreens. Sarah, runde zehn Jahre älter als Jana, sah immer noch blendend aus. Heute lebt sie in Stuttgart, tritt aber nur noch höchst selten auf. Seit Jahren ist sie verwitwet und lebt vor allem für ihre drei Kinder und Enkel. Fast vierzig Jahre war sie skandalfrei mit dem Moderator Claus Bruns verheiratet, bis dieser plötzlich und unerwartet nach seinem ersten Herzinfarkt den Sekundentod starb. Sarah zog sich danach jahrelang von der Bühne zurück und ertrank in ihrer Trauer.

Erst George gelang es vor ein paar Jahren sie aus ihrer Lethargie zu befreien. Er verpasste ihr neue Lieder und stellte sie wieder auf die Bühne. Ihr Erfolg war jetzt noch größer als damals. Ohne sich neu zu erfinden gelang ein fulminantes Comeback. Sarah gilt in der Branche als vermögend, konnte es sich leisten, viele Auftrittsanfragen abzulehnen, was sie auch tat.

Gerade gestern hatten die beiden wieder stundenlang telefoniert und beschlossen demnächst eine Schrotkur in Oberstaufen zusammen zu machen. Jana mochte ihre Kollegin sehr. Sarah besaß Witz, Charme und Klugheit. Kürzlich lachten sich beide halb tot am Telefon als Sarah vom Heiratsantrag eines schwulen Kollegen erzählte. Lag zwar Jahrzehnte zurück, aber erzielte immer noch eine gewisse Wirkung. Damals gab es einen unheimlich gutaussehenden Schlagersänger, der sich Tim Bravo nannte. Im wahren Leben hieß er Walter Deininger und war in Rosenheim zur Welt gekommen. Die gesamte Branche wusste, dass er homosexuell war, hielt aber dicht. Zu Beginn der 1960 er Jahre, als seine Karriere begann, war das Thema einfach verpönt. Es gab in der Musikszene keine Schwulen. Als er 1968 eine Frau heiratete waren alle sehr verwundert. Den Fans, vor allem den älteren Damen unter ihnen, wurde von jetzt auf gleich jede Illusion geraubt, ihn als Schwiegersohn zu ergattern. Als der Paragraf 175 dann 1969 aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde, wurde Tim mutiger und tauchte ab und zu in Bars auf, wo er mit jüngeren Männern gesehen wurde. Später stellte sich dann heraus, dass seine Ehefrau seine ehemalige Fanclubleiterin war, mit der ein Arrangement getroffen worden war. Irgendwann uferte sein Privatleben doch aus. In der Regenbogenpresse las man immer wieder Andeutungen, die auf seine Homosexualität aufmerksam machten. Tim Bravo wurde der Boden zu heiß und er verwickelte sich in Widersprüche. Zu der Zeit begegnete er Sarah und war fasziniert von ihr. Sehr schnell entwickelte sich eine Freundschaft zwischen den beiden. Sie sprachen über alles, nichts blieb verborgen. Sarah und er wurden häufig zusammen im Fernsehen und bei Auftritten engagiert. „So ein schönes Paar!“, hörte man oft aus Fankreisen. Beide forcierten dieses Wunschdenken der Anhänger anfänglich, indem sie sich zum Essen oder auch mal im Theater verabredeten. Auch Claus wusste Bescheid über Tim und konnte das Treiben ohne Eifersucht geschehen lassen. Als plötzlich wieder verstärkt Gerüchte auftauchten, hatte Tim eine Idee. Bei einem gemeinsamen Abendessen, bei dem auch Sarahs Ehemann anwesend war, druckste der Schlagersänger rum: „Was hältst du von zwei Millionen Mark für dich?“ „Viel!“, sah ihn die Freundin verwundert an. „Du weißt ja, welche Parolen gerade wieder im Umlauf sind über mich …!“ „Ja, du musst besser auf dich aufpassen oder du gehst in die Offensive und machst Nägel mit Köpfen!“, entgegnete Sarah mahnend. „Wäre es nicht großartig, wenn wir ein Paar werden würden für die Öffentlichkeit, ich lasse mich von Heidi scheiden, du dich von Claus und dann heiraten wir. Ich überlasse dir dafür die zwei Millionen, ohne Gegenleistungen zu erwarten!“ Sarah glaubte sich verhört zu haben, Claus verschluckte sich und bekam einen Hustenanfall. „Das ist jetzt nicht dein Ernst, tickst du noch richtig?“, fauchte sie ihn an. Claus kam wieder zu sich, grinste und meinte: „Ein ziemlich schlechter Scherz, erneute Verarschung der Fans!“ Tim war aber regelrecht verliebt in den Gedanken und ließ nicht locker. „Was müsste ich dir bieten, damit du …?“, weiter kam er nicht, denn Sarah fiel ihm sofort ins Wort: „Gar nichts! Da mache ich nicht mit, Claus und ich sind glücklich. Du wirst immer mein Freund sein, aber so etwas kommt überhaupt nicht in Frage, basta!“ „Okay, okay, war ja nur so ein Gedanke.“, versuchte der Schlagersänger die Situation zu entschärfen. „Ein schlechter und perfider Gedanke, lass uns über einen solchen Unsinn nie wieder reden. Überleg dir lieber, was du stattdessen für deine Glaubwürdigkeit tun kannst!“ Sarah merkte plötzlich wie hilflos und allein ihr Freund in seiner Situation sein musste. Beide pflegten noch lange Jahre eine Freundschaft, Sarah verzichtete aber seit dem Abend darauf mit Tim irgendwo gemeinsam fotografiert zu werden. Als er ein paar Jahre später an Krebs verstarb, ereilten sie aber doch Gewissensbisse. „Hätte ich damals doch anders reagieren sollen?“, fragte sie sich oft.

„Das glaube ich jetzt nicht!“, lachte Jana ins Telefon. „Ja, heute können wir darüber lachen, aber sein zu früher Tod stimmt mich immer noch traurig!“ „Er hat die letzten Jahre doch noch ein akzeptables Leben geführt, fand diesen jungen Schauspieler … wie hieß der doch gleich?“ „Leopold Dornbichler, ich begegne ihm manchmal in Stuttgart, er scheint hier zu wohnen!“, entgegnete Sarah. Sie hatten jetzt fast zwei Stunden am Telefon verbracht, als Janas Handy klingelte und Beatrice anrief. „Ich muss jetzt Schluss machen, meine Tochter ist auf der anderen Leitung!“, verabschiedete sie die Freundin. „Okay, lass uns die Tage noch mal über Oberstaufen sprechen, tschüss!“

„Beatrice, schön dass du anrufst, heute scheint jeder an mich zu denken, was gibt es denn?“ „Hallo Mama, ich komme nächste Woche für ein Gastro-Seminar nach Bremen und wollte fragen, ob ich zwei Nächte bei dir schlafen kann?“ Jana war hocherfreut und stimmte zu. Danach plauderten beide noch eine Weile. Nach dem Gespräch fiel ihr ein, dass sie Henning und Gitta noch anrufen wollte, um sich demnächst für einen Kurzbesuch in Braunschweig anzusagen.

Am frühen Nachmittag leerte sie ihren Briefkasten, der fast überquoll. Margarete, die jetzt ab und zu auf Honorarbasis für sie tätig war, hatte in zwei dicken Umschlägen Autogrammwünsche an sie geschickt. „Es hört eben doch nicht so schnell auf, das Berühmtsein!“, stellte sie nicht unglücklich fest.

 

  1. Nicht alle Tassen im Schrank

 

Nach wie vor erreichten Jana Autogrammwünsche. Ihr wurden auch oft alte Singles zugeschickt, die in muffigen Plastiktüten eingepackt waren. Mit spitzen Fingern packte sie diese aus signierte alles, steckte die Sachen in den beigelegten Rückumschlag. Während dieser Prozeduren wusch sie sich mehrfach die Hände. Sie hatte sich schon früher oft geekelt, wenn Fans am Künstlerausgang auf sie warteten und nach Autogrammen fragten und darum baten, dass sie ihnen alte Schallplattenhüllen unterschreiben solle. Das Verhältnis zu ihren Anhängern war immer ein ambivalentes. Einerseits wusste Jana, dass sie natürlich auf die Zuneigung angewiesen war, andererseits war ihr das auch oft zu viel, sich nach dem Auftritt dieser Pflicht noch zu unterwerfen. Obwohl das so auch wieder nicht stimmte. Margarete griff oft ein, wenn der Star es dann doch zu sehr genoss und sich von den Fans anhimmeln und lobhudeln ließ. Jana bekam dann oft nicht genug davon. Margarete und Heinz standen immer im Hintergrund und wollten nach den Auftritten nach Hause oder ins Hotel.

Es kam nicht nur einmal vor, dass es auf dem Heimweg zum Streit zwischen ihnen kam. „Du warst doch der Menschenmenge schon vor der Veranstaltung überdrüssig und hattest uns klare Anweisungen gegeben, dass heute kein Bad in der Menge stattfinden solle!“, murrte die Sekretärin. „Man kann die Leute doch nicht enttäuschen, wenn sie so lange gewartet haben!“, kam die patzige Antwort aus dem Dunkel des Fonds. Wenn sich in diesen Momenten auch noch Heinz einschaltete und versuchte zwischen den beiden Frauen zu vermitteln, war die Stimmung ganz dahin. Er probierte dann das Thema zu wechseln indem er beispielsweise meinte: „Marina Meiners war heute Abend ganz groß, so spitzenmäßige Lieder, die solltest du auch mal singen!“ Das saß! Jetzt keifte Jana von hinten erst richtig los: „Das ist jetzt nicht dein Ernst, Heinz! Diese Tusse sieht aus wie ein umgebauter Kerl, ein Lied klingt wie das andere und ständig dieses Nuttenoutfit, wo den Kerlen im Saal der Sabber runterläuft, wenn sie fast ihren Opferstock zeigt!“ Margarete wünschte sich dann oft, dass sie sich wegbeamen könnte und nicht noch eine stundenlange Fahrt vor ihr läge. Dieses Gezeter war nervenaufreibend, es ging doch um nichts. Meistens dauerten diese Auseinandersetzungen nur wenige Minuten, danach herrschte eisige Stimmung im Wagen. Manchmal stieg Jana in Bremen einfach aus, ohne sich zu verabschieden.

Ihre Fans waren mit ihr älter geworden. Nicht selten begleiteten sie sie schon seit Jahrzehnten. In den letzten Jahren waren aber auch jüngere Leute dazugekommen, die bildeten aber eine Minderheit. Es gab zwar keine statistischen Erhebungen, deutlich erkennbar war aber, dass die Frauenquote weit über der ihrer männlichen Verehrer lag. Es waren zumeist Hausfrauen, die die fünfzig deutlich überschritten hatten. Die Kinder waren aus dem Haus, sie gingen eventuell einem Halbtagsjob nach. Diese Frauen sahen in Jana Levin ein Stück von sich selbst, meinten sie. Für sie war die Künstlerin nett, natürlich und allen zugewandt. So wie sich ihr Star kleidete und frisierte war ansprechend, manche versuchten das zu kopieren. Jana unterlief dabei auch mal ein schwerer Fehler. Sie gab den Menschen das Gefühl, einer von ihnen zu sein. Bis heute ärgert sie sich über eine Birgit aus Dorsten, die sie aus einer Laune heraus zu einem Fernsehdreh eingeladen hatte, der über mehrere Tage lief. Birgit tauchte bei jedem Auftritt ihres Idols auf. Jana kannte sie inzwischen gut und mochte sie eigentlich auch. Wie so oft kam sie zu ihr in die Garderobe vor dem Auftritt und palaverte mit ihr. Birgit Bahle wollte immer alles ganz genau wissen, wo sie aufgetreten war, welche Fernsehsendung ansteht, wie es ihrer Tochter Beatrice ging und und und. Jana beantwortete alle Fragen mit einer Engelsgeduld. Später regte sie sich dann bei Frau Loew darüber auf, was diese Birgit das eigentlich alles angehe. Vor ein paar Jahren in Dortmund führten Margarete und Jana ein Planungsgespräch über anstehende Auftritte in einer Theatergarderobe, wo sie als Stargast einer Prämienspar-Gala der Sparkasse auftreten sollte. Birgit hatte natürlich ihr Kommen angekündigt. Frau Loew hatte den Pförtner informiert, Frau Bahle Eintritt zu gewähren. Sie unterbreitete Jana gerade ein Angebot für einen mehrtägigen Dreh am Bodensee. Der SWR plante ein musikalisches Frühlingsspecial als es an die Tür klopfte. Margarete rief: „Herein!“ Dann stürmte Birgit auf Jana zu und küsste sie links und rechts auf die Wange. „Am liebsten würde sie ihr noch die Füße küssen!“, rollte die Sekretärin mit den Augen und begrüßte den Fan mit einem stummen Nicken. „Frau Loew und ich müssen noch kurz etwas zu Ende besprechen, aber du kannst ruhig bleiben.“, sagte Jana. „Also, die brauchen dich Ende Mai nächsten Jahres für vier Tage. Du kannst mit Begleitung anreisen, der Sender zahlt zwei Einzelzimmer und den Flug von Bremen nach Stuttgart. Heinz und ich sind zu der Zeit aber im Urlaub und können nicht mitkommen.“, erklärte sie ihrer Künstlerin. „Wie, ich soll allein dorthin?“ „Ja, bist ja schon groß.“, witzelte Margarete. In diesem Moment fiel Janas Blick auf Birgit und sie hörte sich fragen: „Hast du Lust mich zu begleiten?“ Frau Loew glaubte sich verhört zu haben. Birgit strahlte und rief: „Ja, ja, natürlich!“ „Nachher, spätestens nach der Reise darf ich mir wieder anhören, wie nervig das alles mit ihr war.“, erahnte die Sekretärin schon jetzt und damit lag sie goldrichtig. An diesem Abend war die Bodenseereise dann kein Thema mehr. Aber als Jana nach dem Dreh, ein halbes Jahr später, mit Margarete telefonierte ergoss sich ein Redeschwall von ihr, der seines Gleichen suchte. „Die hat sich aufgespielt wie eine Managerin, stellte ständig blöde Fragen, biss wartende Fans weg und hing mir ständig am Rockzipfel, bitte kein zweites Mal!“ „Bitte?“, fragte Frau Loew pikiert. „Du hast sie doch quasi eingeladen.“ „Das habe ich ganz bestimmt nicht, das wüsste ich!“ Margarete kannte auch diese Situationen zur Genüge. Jana plapperte oft etwas vor sich hin, machte Zu- oder Absagen und konnte oder wollte sich dann nicht mehr daran erinnern, manchmal versuchte sie sogar ihr oder ihrem Mann die Schuld in die Schuhe zu schieben. Die Assistentin ließ sich neuerdings auf diese Diskussionen nicht mehr ein, passierten sie im direkten Gespräch, wechselte sie das Thema. Am Telefon sagte sie dann oft, dass es auf der anderen Leitung klingele und sie jetzt Schluss machen müsse.

Dann gab es seit Jahren einen Paul, der bereits im Rentenalter war. Er lebte wohl in Berlin und war Mitglied des Fanclubs, den Petra Gosch damals gegründet hatte. Irgendwie muss er Janas Adresse in Bremen herausgefunden haben, denn er rief eines Tages die Fanclubleiterin an und fragte, welche Janas Lieblingsblumen seien. Petra war etwas irritiert sagte aber, dass er mit roten Rosen nichts falsch machen würde. Dann fuhr er fort und erzählte, er sei gerade in Bremen-Schwachhausen und wolle jetzt einen Strauß vor ihrer Wohnungstür niederlegen. „Niederlegen?“, dachte Petra und überlegte, was zu tun sei. Sie beendete das Gespräch und rief Margarete an. „Noch einer, der nicht alle Tassen im Schrank hat, mich nervt er auch dauernd, sieht wohl so etwas wie seine beste Freundin in mir, weil ich ja Verbindung zu Jana habe. Lass ihn einfach gewähren. Er wird sie schon nicht belästigen, dafür hat er viel zu viel Ehrfurcht vor ihr.“, beruhigte sie ihre Gesprächspartnerin.

Petra Gosch war auch sehr speziell. Sie kannte Jana seit fast vierzig Jahren und war im gleichen Alter wie sie. Inzwischen war sie Rentnerin und lebte in Rüsselsheim. Manche, auch Jana, vermuteten gelegentlich, dass sie lesbisch sei, da es einen Mann an ihrer Seite niemals gegeben hatte. Für Petra gab es immer nur Jana. Ihre erste Begegnung muss Mitte der 1960 er Jahre stattgefunden haben, als die Künstlerin noch relativ unbekannt war. Im Frankfurter Palmengarten war ein Schlagernachmittag angesagt. Einige Newcomer, so auch Jana, mischten sich unter das Publikum und fühlten sich geehrt, wenn jemand um ein Autogramm bat, so auch Petra. Die beiden jungen Frauen kamen ins Gespräch und tauschten sogar Adressen und Telefonnummern aus. Das war ein schwerer Fehler, wie sich schnell herausstellte. Petra Gosch, die damals gerade ihre Lehre bei der Post abgeschlossen hatte, meinte jetzt eine neue Freundin gefunden zu haben. Die Popularität von Jana Levin wuchs und sie verfolgte das mit Akribie und Hingabe, die manchmal bis zur Selbstaufgabe ging. Immer wieder, wenn Jana einen Fernsehauftritt hatte, rief sie ihren Star an und war hingerissen von den Gigs. Als Brian dann in Janas Leben trat, versuchte er den Spuk zu beenden, indem er eine Geheimnummer beantragte. Damit war das Problem Petra Gosch aber nicht endgültig gelöst. Bei öffentlichen Auftritten in und um Rüsselsheim stand sie immer Gewehr bei Fuß. Bis heute stellt sich Petra überall als älteste Freundin von Jana vor. Zugegeben, ihre Arbeit als Fanclubleiterin macht sie bravourös, aber die Art wie sie mit den Fans umgeht ist grenzwertig. Es passierte leider auch immer wieder, dass sie in ihrem doch kleinbürgerlichen Denken Situationen falsch einschätzte oder sich einfach wichtigmachen wollte. Als vor fünf Jahren der Frankfurter Weihnachtsmarkt eröffnet wurde, tauchte sie einige Tage vor dem geplanten Auftritt von Jana dort auf. Das Gelände war noch abgesperrt, Buden und Stände sowie eine Open-Air-Bühne des Hessischen Rundfunks wurden aufgebaut. Irgendein Aufseher sprach Petra damals an und fragte, was sie denn hier wolle. Sie war fast empört über diese Frage und erklärte, dass sie eine Freundin von Jana Levin sei und sich hier alles schon mal vorab ansehen wolle, damit beim Auftritt ihres Stars dann alles glatt läuft. Der Aufseher verständigte dann wohl seinen Vorgesetzten, der wiederum bei Frau Loew anrief und fragte, was diese Inspizierung solle. Margarete war entsprechend verärgert, sich mit so einem Blödsinn befassen zu müssen, rief Petra an und wies sie in ihre Schranken.

Richtig unangenehm wurde es, wenn einmal pro Jahr zum Fanclubtreffen in Bremen eingeladen wurde. Petra stand dann fast Kopf und organisierte alles bis ins Detail. Die Fans bekamen in Rundschreiben Anweisungen wie sie sich Jana gegenüber zu verhalten haben. Sie hatte sich eine Art Speed-Dating ausgedacht, bei dem jeder Gast maximal fünf Minuten Redezeit mit dem Star haben sollte. Als Jana das erfuhr, platzte ihr der Kragen. Sie rief Petra an und beschimpfte sie auf das Übelste. Die Rüsselsheimerin brach während des Telefonates in Tränen aus, auch das konnte Jana nicht erweichen. „Petra, du machst deine Aufgabe wirklich gut, aber bitte, vergrätz mir meine Fans nicht. Du bist auch nur Fan, bedenke das bitte und verhalte dich zukünftig so!“ Als das Gespräch beendet war, weinte sie bitterlich. „Wir sind doch Freundinnen, so kann sie doch mit mir nicht umgehen, ich verstehe das nicht, will doch nur ihr Bestes!“ Trotzdem machte sie weiter, allerdings schaltete sie einen Gang zurück. Ein Zerwürfnis mit ihrer Freundin Jana Levin wollte sie auf keinen Fall riskieren. Als Heinz später ernsthaft erkrankte übernahm sie hin und wieder den Fahrdienst für ihre Künstlerin, was Jana nicht unrecht war. Aber auch hier musste ihr die Sängerin immer wieder klare Anweisungen erteilen. Petra war einfach in allem, was sie tat, maßlos.

Als sie einmal mit ein paar Kollegen auf Tour war, stellte man fest, dass der Vorverkauf in Saarbrücken nur mäßig lief. Der Konzertveranstalter organisierte dann kurzfristig eine Autogrammstunde aller teilnehmenden Künstler bei Saturn. Auch Linda Lorré gehörte dem Tour-Ensemble an. Die Fans kamen scharenweise in den Markt und ließen sich Autogramme geben, baten um Selfies und brachten alte CDs und Platten mit zur Unterschrift. Plötzlich keifte Linda einen jungen Mann an, der ihr eine CD von ihr vorlegte, die sie nicht kannte: „Was ist das denn? Wo haben sie die her? Die habe ich nie aufgenommen!“ „Äh, äh, die habe ich bei Schlecker für zwei Euro fünfundneunzig gefunden.“ „So was unterschreibe ich nicht, das müssen Raubpressungen sein, ich bin eine ernstzunehmende Künstlerin!“, brüllte sie weiter. Petra, die natürlich auch hier anwesend war und wusste, dass Jana diese Linda überhaupt nicht ausstehen konnte, grinste die gerade ausgerastete Sängerin hämisch an.

Wahre Tumulte gab es hin und wieder auch. Jana fiel ein Auftritt im Rathaushof in Köpenick ein. Sie spielte dort ein Konzert mit einer fünfköpfigen Band. Eine Garderobe zum Umziehen und Schminken gab es nicht. Man hatte neben der Bühne einen Paravent aufgebaut, hinter den sie sich zurückziehen konnte. Ganz ungewöhnlich war an diesem Abend, dass sie in der Pause einem fast befreundeten Journalisten ein Interview geben sollte. Leider verdeckte der Raumteiler nicht den gesamten Bereich und so spähten immer wieder Fans in den improvisierten Umkleidebereich. Das Gespräch zwischen ihr und dem Reporter wurde immer wieder unterbrochen von Zwischenrufen der Anhänger: „Jana, Jana bitte noch ein Foto mit dir!“, rief ein Mitsechziger. Sie schaute auf und rief ihm zu: „Haben wir doch schon gemacht!“ „Ja aber noch keines im Sitzen und von der Seite!“, beharrte er weiter. „Nach dem Konzert, versprochen!“, entgegnete sie. Dann bestritt sie den zweiten Teil des Abends. Danach zog sie sich mit dem Interviewer ins Restaurant Rathauskeller zurück. Der Mitsechziger bemerkte das und folgte ihnen. Eigentlich war sie zu erschöpft, um jetzt noch Fragen zu beantworten, aber Michael Steiner von Bunte musste versorgt werden. Der Fan hatte sich ein Bier bestellt und lauerte an der Theke. „Bleib bitte sitzen!“, zischte ihn Jana immer wieder nach ihren Antworten an. „Da drüben sitzt der Typ der noch zig Fotos möchte, ich habe keine Lust darauf.“ Bereitwillig stellte er weitere Fragen. Plötzlich kam Margarete herein. Jana gab ihr ein Zeichen und zeigte vorsichtig auf den wartenden Fan. Frau Loew begriff sofort, was gemeint war und sprach ihn an: „Guter Mann, Sie sehen ja, dass Frau Levin noch zu tun hat, das wird dauern. Bitte versuchen Sie es demnächst wieder.“ Wie immer war sie freundlich, aber bestimmt. Dann tickte der Typ aus und schrie: „Diese blöde Kuh, was bildet die sich eigentlich ein. Sagt mir zu, dass ich sie nach dem Konzert fotografieren darf und jetzt schmeißt ihr mich raus!“ „Sie hat Ihnen gar nichts zugesagt und Sie gehen jetzt bitte und lassen uns in Ruhe!“ Dann schrie er laut durch das Restaurant, dass er so etwas überhaupt noch nicht erlebt hätte und sie solle doch auf ihren Scheiß-Cds sitzen bleiben, sich ausstopfen und ins Panoptikum stellen lassen. Jetzt kam der Wirt auf ihn zu und erteilte Hausverbot. Wütend verließ der Alte die Szenerie. Am darauffolgenden Montag titelte die Bild ‚Altstar brüskiert Fan‘. Als Margarete das las schüttelte sie den Kopf und meinte: „Noch einer, der nicht alle Tassen im Schrank hat.“

Jetzt saß Jana an ihrer Küchenbar und öffnete den zweiten Umschlag, den ihr Frau Loew geschickt hatte. Wieder enthielt dieser eine Vielzahl von Briefen ihrer Anhänger. Sie machte sich einen weiteren Espresso und vertiefte sich in die Inhalte des Geschriebenen. „Hm, früher hatte ich dafür gar keine Zeit, lange Texte zu lesen, das ist schon ein Vorteil meines neuen Lebens.“, lächelte sie.

 

  1. Comeback als Schauspielerin?

 

Martin und Jana hatten sich ihr Leben in Bremen eingerichtet. Gabriel war jetzt vier Jahre alt und hielt die beiden ab und zu auf Trab, wenn Beatrice ihren Sohn bei ihnen parkte, wie sie immer zu sagen pflegte. Jana war dreiundsiebzig Jahre alt und ruhte immer mehr in sich selbst. Ihre Gelüste auf ihren so geliebten Barolo hatte sie stark eingeschränkt. Ihr Magen rebellierte, wenn sie zu viel davon trank. Ein Gastrologe hatte ihr Omeprazol verordnet und dringend vom Konsum des Roten abgeraten. Erstaunlicherweise fiel ihr das nicht schwer. Sie teilte zudem ein gemeinsames Leiden mit ihrem Mann. Ab und zu hatte er Rückenprobleme. Die Schmerzen im LWS-Bereich hielten sich aber, dank Kieser-Training, in Grenzen. Martin zollte damit seiner jahrelangen Tänzertätigkeit Tribut. Es ging ihnen gut, finanziell hatte man ausgesorgt. Die beratende Tätigkeit am Theater am Goetheplatz spülte ihm monatlich auch noch ein nettes Sümmchen in die Haushaltskasse.

Am zwölften August saßen die Eheleute auf ihrer Dachterrasse beim Frühstück als sie aus dem Radio die Nachricht vernahmen, dass Mechthild Wagenfeld ihres Amtes als Kanzlerin enthoben worden sei. Sie, sowie einige Mitglieder ihrer Partei, der OID, wurden vom Bundesverfassungsgericht als menschenverachtend und wegen antisemitischer Äußerungen verurteilt. Neuesten Umfragen zu Folge war die OID jetzt auf knapp zwanzig Prozent abgerutscht. Für Oktober waren Neuwahlen angesetzt. „Uff, das sind ja mal richtig gute Neuigkeiten!“, stöhnte Martin laut auf. „Ja, dann dürfte der braune Spuk überstanden sein. Ich werde Sarah nachher mal anrufen und ihr alles erzählen.“ „Ach, die kluge Sarah, aber ich denke nicht, dass sie ihr schwedisches Domizil wieder verlassen wird. Sie dürfte jetzt Mitte achtzig sein.“ „Mein lieber Mann, mach sie nicht älter als sie ist, sie hat genau zehn Jahre mehr auf dem Buckel als ich!“ „Und sieht bestimmt zehn Jahre jünger aus!“, gluckste Martin. „Wieso, findest du, dass ich alt aussehe?“ „Schatz, das kannst du gar nicht!“ „Musst du heute noch ins Theater?“ „Ja, aber nicht lange, die Premiere der neuen Fassung von Schwanensee ist Mitte September. Ich gebe nur noch den letzten Schliff. Werde gegen neunzehn Uhr wieder hier sein.“ Dann beugte er sich vor und küsste seine Frau.

Als Martin die Wohnung verlassen hatte griff Jana zum Telefon und rief Sarah in Göteborg an. „Das sind ja gute Nachrichten, aber ich komme nicht zurück nach Deutschland!“, teilte sie Jana ihren Entschluss mit, nachdem sie die Informationen ihrer Freundin gehört hatte. Tatsächlich hatte Sarah Silver vor zweieinhalb Jahren ihre Wurzeln in Stuttgart herausgezogen und war zurück nach Schweden gegangen, gelegentlich trat sie dort sogar noch auf. Erst vor zwei Jahren sang sie schwedische Volkslieder auf dem fünfzehnten Hochzeitstag von Königin Victoria und ihrem Mann Prinz Daniel. Ansonsten lebte sie zurückgezogen und war in erster Linie für ihre drei Enkelkinder da. Einen neuen Mann gab es auch in ihrem Leben. Olof Persson war einige Jahre jünger als sie und Witwer. Er besaß in Skandinavien eine Hotelkette. Verheiratet waren sie nicht, sahen sich aber so oft es seine Zeit erlaubte. Sarah versprach im Herbst ein paar Tage nach Bremen zu kommen: „Lass uns dann auf eine neue politische Zukunft bei euch anstoßen!“ Jana hatte gar nicht bemerkt, wie schnell die Zeit vergangen war. Als sie das Gespräch beendet hatte, war es bereits halb eins. Für vierzehn Uhr war noch ein Friseurtermin angesagt, vorher wollte sie einkaufen. Sie lief ins Bad und trug ein wenig Makeup auf, dann zog sie sich an und verließ das Haus. Als sie die Wohnungstür abschloss, klingelte das Telefon. „Das kann der AB übernehmen, ich bin eh schon zu spät!“

Erst am frühen Abend kam Jana zurück. Bepackt mit Einkaufstaschen und frisch frisiert stellte sie alles erst mal in der Küche ab. Martin hatte versprochen heute Abend zu kochen. Noch war er nicht da. „Das wird bestimmt nichts, wenn er arbeitet, ist er nach wie vor wie von Sinnen. Werde ein bisschen Käse, Brot, Butter und Wein zusammenstellen. Wenn er kommt, möchte ich ihn für mich, nicht dass er noch stundenlang in der Küche rumwerkelt.“ Ihr Blick fiel auf das Blinken des Anrufbeantworters. Es passierte nur noch selten, dass jemand über das Festnetz anrief. Eher desinteressiert drückte Jana die Abhörtaste und vernahm die Stimme einer Frau Reiher von Nord-Film aus Kiel, die um Rückruf bat. Da ihr weder der Name noch die Firma etwas sagte, löschte sie den Anruf.

Gegen halb zehn kam Martin endlich nach Hause. Jana lag im Stressless und war eingeschlafen. Minutenlang blieb er im Halbdunkel stehen und beobachtete seine Frau. Er liebte solche Situationen, sie friedlich schlummernd zu sehen, obwohl er wusste, dass sie es überhaupt nicht mochte wehrlos angestarrt zu werden. Das war schon zu ihrer aktiven Zeit immer ein Problem für sie. Auf der Bühne oder vor der Kamera agierte sie als Künstlerin, war einfach der Star. In normalen Alltagssituationen verkroch sie sich lieber und wollte unerkannt bleiben. Selbst heute noch, acht Jahre nach ihrem Abschied, wurde sie hin und wieder auf der Straße erkannt. Manchmal verleugnete sie sich selbst, indem sie ehemaligen Fans unmissverständlich mitteilte, dass der Beobachter sie wohl verwechsle. Martin streichelte seiner Frau übers Haar. Sie erwachte und strahlte ihn an. Dann gähnte sie laut: „Oh, du bist endlich da!“ „Ja, es hat heute ewig gedauert, der Regisseur hatte noch zig Änderungsvorschläge, die mir überhaupt nicht gefallen haben, aber es ist seine Produktion und ich bin nur beratend tätig.“ „Dann schmeißen die das Geld ja zum Fenster raus für dich!“ „Manchmal denke ich das auch, künstlerischer Anspruch gleich null. Habe eigentlich keine Lust mehr dazu, alles wird untergraben.“ „In der Küche steht Brot und Käse für uns, habe auf dich gewartet.“

Martin zündete die Kerzen an. Erst jetzt fiel ihm auf, dass das blonde Haar seiner Gattin einen leichten Rotstich hatte: „Oh, eine neue Farbe, steht dir gut!“ „Ich wollte mal etwas Innovatives machen!“ Martin lachte: „Gefällt mir wirklich gut! Deine Idee?“ „Nicht ganz, das Werk eines neuen Figaros in der Altstadt, einem Italiener!“ „Sollte ich vielleicht auch mal machen, um die grauen Schläfen zu kaschieren!“, spöttelte er. Jana überhörte die Bemerkung. „Was war denn nun heute los?“ „Ach, Philippe Dupont ist in seinen Ausführungen sehr eigen. Du weißt ja, er ist Spielleiter, hat aber vom Tanz keine Ahnung. Heute Mittag haben wir zusammen gegessen und uns heftig gestritten, es ging nur um ein paar Armbewegungen und einige eher unwichtige Schritte von zwei Tänzerinnen, die er aber minutenlang in den Fokus stellen wollte. Habe ihm dann bei You Tube ein paar Videos mit Beispielen meiner Arbeit gezeigt, aber er beharrte auf seiner Meinung. Für mich ist die ganze Produktion dadurch kaputt.“ „Schraub deine Ansprüche einfach runter und lächle!“ „Jana, das kann ich nicht. Jeder weiß, dass mein Name für das Stück mitverantwortlich ist. Man kann Schwanensee heute nicht mehr inszenieren wie vor hundert Jahren, völlig ausgeschlossen!“ „Du weißt ja, dass ich dich für genial halte auf deinem Gebiet ….“ Martin fiel ihr ins Wort: „Nur auf meinem Gebiet?“ „Nein, mein Schatz, ich liebe dich bedingungslos!“ „Oh, daran werde ich dich bei Gelegenheit erinnern. War sonst noch etwas heute?“ „Da hat so eine Filmfirma angerufen, die ich nicht kenne. Ich soll mich melden, habe den Anruf aber gelöscht!“ „Hm, planen die etwas zu deinem Fünfundsiebzigsten?“ „Keine Ahnung, ist mir auch egal.“ Nachdem sie gegessen hatten, zog sich Martin mit einem Buch auf die Couch zurück. „Ich bin müde, gehe ins Bett. Mach nicht mehr so lange.“

Am nächsten Morgen hatte sich Marin mit einem Kollegen vom Theater zum Kieser-Training verabredet. Jana saß allein in der Küche und trank einen Espresso. Das Telefon klingelte. Wieder meldete sich die Stimme von gestern. „Guten Tag, mein Name ist Reiher von der Nord-Film. Spreche ich mit Jana Levin?“ „Ja, was kann ich für Sie tun?“ „Wir produzieren für die ARD den Tatort aus Kiel und haben ein interessantes Angebot für Sie.“ „Ich habe vor acht Jahren meine Karriere beendet.“ „Ja, als Sängerin, aber wir suchen jemanden für die Rolle einer Industriellengattin in Kiel, die verdächtigt wird, ihren Mann vergiftet zu haben!“ „Eine Mörderin?“ „Eine zunächst Verdächtige!“ „Gute Frau, ich habe zwar mal Musical am Thalia in Hamburg gespielt, bin aber keine Schauspielerin!“ „Frau Levin, Sie wären perfekt für die Rolle!“ Dann erklärte sie weiter, dass der Part in der Folge autobiografische Züge habe: eine gefeierte Opernsängerin tritt nach über dreißig Jahren von der Bühne ab und heiratet einen Kieler Reeder. Sie merkt schnell, dass er bankrott ist und ihr nach dem Leben trachtet, um ihr Erbe anzutreten. Die Ehefrau kommt ihm aber zuvor, dazwischen gibt es noch einige Verwicklungen und Ungereimtheiten. „Klingt alles ganz interessant, aber, wie gesagt, ich bin keine Schauspielerin!“ „Sie spielen sich einfach selbst!“ Jana lachte auf: „Eine Mörderin bin ich schon gar nicht!“ „Dürfen wir in den nächsten Tagen mit dem Skript bei Ihnen vorbeikommen und Einzelheiten besprechen?“ „Ich spreche das mit meinem Mann ab und melde mich bei Ihnen. Ist das okay?“ „Sehr, wir sehen sehr wohlwollend Ihrer Antwort entgegen!“ Als Jana aufgelegt hatte lachte sie laut: „Ich alte Schabracke als Schauspielerin!“

Gegen Mittag kam Martin zurück und hatte zwei Portionen Sushi mitgebracht. „Ach du denkst immer an alles!“ Beim anschließenden Essen erzählte seine Frau von dem Telefongespräch. „Kannst du dir das denn vorstellen?“ „Hm, uninteressant finde ich die Idee nicht, aber ich habe in dem Bereich null Ahnung.“ „Lass das Team doch einfach mal herkommen und dann sprechen wir über alles!“

Am Montagvormittag der darauffolgenden Woche empfingen die Eheleute Steenquist das Team aus Kiel auf ihrer Dachterrasse. Frau Reiher, die Produktionsassistentin, war zirka Mitte zwanzig, die ihren Job voll und ganz ausfüllte. Schon bei der Begrüßung und ihrem Händedruck spürte Jana, dass es sich um eine Person handelte, die genau wusste, was sie wollte. Sie kannte diese jungen Mädchen noch von früher. Diese Frauen arbeiteten meist als Assistentinnen für die Promoter der Plattenfirmen, waren morgens die ersten und abends die letzten Mitarbeiter im Büro. Sie waren sich für nichts zu schade, wenn es um Erfolg, Abschlüsse und Zahlen ging. Jetzt saß so ein Exemplar auf ihrem Sofa. Im Gefolge hatte sie den Autor Bernd Leiser und ihren Chef Manuel Süder. Obwohl er der verantwortliche Produzent war, wurden Jana und Martin den Eindruck nicht los, dass Sybill Reiher die Fäden in der Hand hielt. Leiser gab eine kurze Abhandlung der Geschichte preis, Süder lehnte sich zurück und überließ weitestgehend seiner Mitarbeiterin das Feld. Sie sprachen jetzt schon über eine Stunde. Jana hatte bestimmt hundertmal betont, dass sie keine Actrice sei, Frau Reiher nahm ihr jedes Mal den Wind aus den Segeln und zerstreute die Bedenken mit immer neuen positiven Argumenten. Manuel Süder versprach, ihr einen Coach zur Seite zu stellen, der ständig am Set anwesend sein sollte. Jana und Martin nickten sich irgendwann zu, was einer Absegnung des Projektes gleichkam. „Okay, dann versuchen wir es!“, warf Martin ein. „Wunderbar, ich schicke Ihnen im Laufe der Woche das Buch und die Verträge zu!“, warf Sybill ein. „Moment, Moment, wir müssen noch über die Konditionen und Bedingungen sprechen. Wie lange werden die Dreharbeiten in Kiel dauern und wie sieht es gagentechnisch aus?“, warf Martin ein. Jetzt wurde Süder aktiv: „Also wir drehen maximal vier Wochen von Mitte Oktober bis Mitte November in Kiel und Molfsee. Dazu muss ungefähr eine Woche Studioarbeit mit Nachsynchronisation der Außenaufnahmen kalkuliert werden. Wir dachten an ein Tageshonorar von dreitausend Euro. Für Sie sind ungefähr zwanzig Tage angesetzt. Es wäre aber schön, wenn Sie während der gesamten Zeit in Kiel vor Ort sind.“ „Hm, das klingt gut. Die Hotelkosten übernehmen Sie aber auch?“ „Ja, selbstverständlich!“ „Uns wäre es lieb, wenn wir für den gesamten Zeitraum eine Wohnung hätten und nicht ins Hotel müssten, geht das in Ordnung?“ „Das dürfte kein Problem sein. Wir haben zwei große Künstlerwohnungen in Laboe, direkt an der Ostsee.“ „Klingt gut, dann machen Sie den Vertrag fertig, wir werden zeitnah reagieren.“ Es folgte noch ein wenig Palaver über die Branche. Bernd Süder warf immer wieder ein, dass heute alles so teuer geworden sei. Dann spielte sich Frau Reiher noch einmal in den Vordergrund und plauderte über ihre Kontakte zu Schauspielern und Künstlern. Besonders diskret fand Jana das nicht, hatte aber keine Lust in die Offensive zu gehen. Am frühen Nachmittag verabschiedete sich das Team.

„Du, zwanzig Drehtage, das sind ja sechzigtausend Euro!“, sagte Jana und klang überrascht. „Da hast du aber lange gerechnet, mein Schatz. Nicht ganz sechzigtausend, abzüglich Steuern bleiben dir vielleicht fünfunddreißigtausend!“ „Weißt du, wofür ich dich liebe?“ „Weil ich so bin, wie ich bin!“ „Das natürlich sowieso! Nein, aber du sagtest gerade, dass mir der Betrag bleibt nicht uns. Anders als in der Rolle der Gattin des Reeders!“ Martin lächelte seine Frau an. „Lass uns das heute Abend feiern, ich bestelle einen Tisch im Park-Hotel

Am Ende der Woche kam ein dicker Briefumschlag aus Kiel. Martin nahm sich sofort den Vertrag vor und machte einen Termin mit seinem Rechtsanwalt. Jana vertiefte sich ins Drehbuch. Nicht immer verstand sie die Notizen neben dem Text sofort. „Schade, dass Carina nicht mehr da ist, die hätte ich jetzt gut fragen können.“ Dieser Satz fiel in den darauffolgenden Tagen häufiger. Dem Brief lag die Visitenkarte des Coachs bei, mit dem Jana über Skype kommunizieren sollte. Lorenz Mesenbrink war ein absoluter Profi seines Genres, das stellte sie schon nach dem ersten Gespräch fest. Er versuchte ihr sofort die Angst vor der neuen Aufgabe zu nehmen und beruhigte sie mit den Worten: „Frau Levin, es ist nichts Fremdes, was sie da spielen sollen. Sie kennen das Showbiz und können in erster Linie Sie selbst sein!“ Das war für die Sängerin ein ganz wichtiger Satz, der sich sofort in ihr Gehirn eingrub. Als Partner war Dietrich Maus, der den Tatort-Kommissar seit Jahren spielte, vorgesehen. Den Reeder stellte Alfi Boysen dar. Er hatte sich damals nach der Absetzung des Schlagerderbys wieder auf seine Wurzeln besonnen und war zur Schauspielerei zurückgekehrt.

Abends saßen die Eheleute jetzt oft zusammen. Martin hörte seiner Frau den Text ab. „Es ist komplizierter als Songtexte zu lernen.“, warf Jana immer wieder ein, wenn sie einen Aussetzer hatte. „Darling, du spielst ein ganzes Stück von rund neunzig Minuten, musst auf Timing achten, auch die Rolle deines Partners können. Aber mach dir nicht so viele Gedanken, ihr dreht ja Szene für Szene, darauf kannst du dich gut vorbereiten.“ Sie wurde sicherer, beherrschte den Stoff und bekam ein Gefühl dafür, wie sich die einzelnen Szenen abspielen könnten. „Du hast die Rechnung noch nicht mit dem Regisseur gemacht, kannst dir ja jetzt alles Mögliche vorstellen, wirst aber letztlich dem Spielleiter und Dramaturgen gerecht werden müssen.“, bremste Martin seine Frau immer wieder vorsichtig aus.

Am fünfzehnten Oktober reisten die Steenquists nach Kiel. Das vor ihnen liegende Wochenende sollte mit ersten Besprechungen zwischen den Schauspielern und dem Regisseur laufen. Auch Lorenz war gekommen, den Jana bisher nur von den Gesprächen auf Skype kannte. Der Samstag und Sonntag sollten auch weitestgehend dafür verwendet werden, dass er seiner Akteurin Mimik und Gestik vor der Kamera beibringen sollte. Jana Levin war in den letzten Wochen mehr und mehr in die Rolle hineingewachsen, ihren Text beherrschte sie bis ins Detail, auch den Wortlaut in den einzelnen Dialogen ihrer Partner hatte sie drauf. Probleme allerdings gab es, was die Handlung und den gesamten Inhalt anging. Der Spielleiter Heino Wellinger galt in der Branche als Choleriker und war immer wieder aufbrausend am Set. „Ihr interessiert euch nur für euch selbst, die Geschichte und die Hintergründe der Handlung sind euch scheißegal. Euch geht es nur darum, immer richtig ausgeleuchtet zu sein und im Vordergrund zu stehen!“, schrie er das Team mehr als einmal an. Ganz Unrecht hatte er nicht. Vor allem zwei Mädchen, die eine Schauspielschule wohl nie von innen gesehen hatten, spielten sich als Stars auf, konnten aber weder Text noch hatten sie irgendeinen Schimmer von dem, was sie da taten. Zugegeben, ihre Rollen waren eher die der Statisten, aber einige Sätze hatten sie doch zu sagen. „Völlig talentfrei und blutleer.“, zog Alfi Boysen Jana ins Vertrauen. Seine Frau Hannaliese war bei allen Einstellungen ihres Mannes dabei und versuchte Wellinger immer wieder Hinweise zu geben, ihn besser zu inszenieren, was den Regisseur zusätzlich auf die Palme brachte. Sie ging in ihrer Rolle als freie Produzentin und Managerin ihres Gatten voll auf. Arbeitete mit allen Möglichkeiten, die sich ihr boten, manchmal auch unlauteren. Das musste Jana schon zu Zeiten des Schlagerderbys feststellen. Ihre Fassade war aalglatt und freundlich. Aus Vereinfachungsgründen und um sich die vielen Namen nicht merken zu müssen, nannte sie die engagierten Künstler ausschließlich Schätzchen, Herzchen oder manchmal sogar, wenn es sich um Newcomer handelte, Kindchen. Gerade heute hatte es wieder bei einer Außenaufnahme gekracht. Sie drehte mit Alfi eine Szene in Schilksee direkt an der Ostsee. Der Reeder und seine Frau machten einen Spaziergang am Strand und führten ein Zwiegespräch, in dem sie ihm portionsweise und geschickt mitteilte, dass sie ihm wegen Erbschleicherei langsam auf die Schliche gekommen sei. Hannaliese war das Tageslicht zu erbarmungslos. So griff sie immer wieder in Szenen ein und verlangte mehr warmes Licht. „Er sieht ja jetzt schon aus wie eine Leiche, mach etwas!“, ranzte sie Heino immer wieder an. Zunächst blieb der Spielleiter ruhig und ignorierte sie. Nach zwei Stunden platzte ihm aber der Kragen und er brüllte Frau Boysen an: „Pass mal auf, Kindchen, so kannst du mit deinen Sternchen umgehen, wenn sie ihre Liedchen trällern, aber hier hältst du jetzt ab sofort die Schnauze. Ich weiß genau, was ich zu tun habe und wie dein Männe auszusehen hat!“ Das saß! Hannaliese unternahm einen letzten Versuch: „Ja, aber ich wollte doch nur …..“ „Schnauze, verschwinde!“ Schnurstraks drehte sie sich um und ging, dann wandte sie sich noch einmal an ihn: „Ich gehe jetzt zu Süder, das wird Konsequenzen für dich haben!“ Jana erlebte die Szenerie stumm und war fassungslos über den Ton, der hier herrschte. Es hatte angefangen zu nieseln und sie fror ein wenig. „Wir machen weiter!“, rief Wellinger. Vor Schreck hatte sie dann ihren Text vergessen, was zu einem neuen Wutanfall führte. „Noch so eine Möchtegernschauspielerin!“ Jetzt war Jana sauer: „Herr Wellinger, ich möchte sie daran erinnern, dass ich nicht scharf war auf diese Arbeit hier, Sie und Herr Süder wollten mich ja unbedingt für den Part haben. Ich habe meine Rolle gelernt, aber diese elenden Unterbrechungen wegen irgendwelcher Nichtigkeiten finde ich gelinde gesagt zum Kotzen!“ Heino Wellinger lief rot an. Jana hatte den Eindruck, dass sein Kopf immer größer wurde und seine Augen, die wie Lottokugeln aussahen, aus seinem Gesicht fallen könnten. Trotzdem blieb er jetzt ruhig und forderte das Team auf weiterzumachen.

Als Jana und Martin beim Abendessen saßen wirkte sie erschöpft und müde. „Wie war’s heute?“ „Frag nicht, Herzchen hat sich dauernd in unsere Szene eingemischt und meinte Wellinger Anweisungen zu geben.“ „Dann ist der doch bestimmt explodiert?“ „Mehr als das, er hat sogar Fäkalsprache gebraucht. Es war so peinlich, dass ich glatt meinen Text vergessen habe.“ „Oh ja, das kenne ich von ihm. Habe ihn mal bei einer Produktion in Frankfurt erlebt. Er duldet keine andere Meinung, wenn es um seine Inszenierungen geht. Aber sei sicher, er holt das Beste aus dir heraus.“ „Dein Wort in Gottes Ohr. Ich habe mir das einfacher vorgestellt.“ „Ein Team von Brisant hat angerufen und möchte einen Beitrag beim Dreh über dich machen.“ „Nein, Schatz, sag das bitte ab. Dafür fühle ich mich dann doch noch nicht sicher genug und Wellingers Reaktion möchte ich mir gar nicht erst vorstellen!“ „Ich habe denen sowieso wenig Hoffnung gemacht, regele das morgen.“ „Ich brauche dringend Schlaf, für morgen sind neun Stunden Studiodreh angesetzt, das können locker zwölf werden. Muss schon um sieben in der Maske sein.“, gähnte sie ihren Mann an. Dann gab sie ihm einen Kuss und verschwand im Badezimmer.

Tatsächlich zog sich der nächste Arbeitstag in die Länge. Die erste Einstellung sollte gegen halb neun gemacht werden. Wellinger hatte immer wieder etwas am Licht auszusetzen. Erst gegen dreizehn Uhr war die Zweiminutenszene im Kasten. Komischerweise explodierte der Vulkan heute mal nicht. Selbst als am Nachmittag ein kurzer Akt in einem Hotelzimmer mit einer Statistin nicht funktionierte behielt der Regisseur die Ruhe.

Am Abend hatte sich das Ehepaar mit Dietrich Maus zum Essen verabredet. Er hatte einen Tisch im Fischers Fritz Restaurant bestellt. Bisher kannten sich Jana und Dietrich nur vom Set. Er hatte sie um dieses Treffen gebeten, zunächst war sie unsicher, ob sie die Einladung annehmen sollte. „Da spricht doch nichts dagegen, vielleicht gibt dir dieser Starschauspieler noch wertvolle Tipps.“, meinte Martin. Jana gefiel die gediegene norddeutsche Eleganz des Lokals sehr. Als sie mit ihrem Mann den Raum betrat, verdrehten einige neugierige Gäste den Blick in ihre Richtung. „Fast wie früher!“, zischte sie ihren Mann an und lächelte. Dietrich Maus saß am Fenster und winkte ihnen zu.

Jetzt saßen die drei Künstler am Tisch. „Was trinkt ihr denn?“, wollte Maus wissen. „Ach, ich könnte mir ja zur Feier des Tages mal wieder einen Barolo gönnen.“, antwortete Jana. „Hm, gute Wahl, den trinke ich auch sehr gern!“ Martin schloss sich den Gelüsten an. Kurz darauf prosteten sie sich mit dem Roten zu. Da alle keine wirklichen Fischfreunde waren bestellten sie unisono Entrecôte auf herbstlichen Gemüsebett. „Warum wolltest du mich sprechen?“, eröffnete Martins Frau nun das Gespräch. „Na ja, du machst deine Sache als Ungeübte ziemlich gut, das sagte mir selbst Hannaliese gestern!“ Jana fühlte sich geschmeichelt: „Es ist neu für mich, ich versuche mein Bestes zu geben und habe in Lorenz eine große Unterstützung. Weißt du, ich bin keine Schauspielerin, hatte niemals Unterricht, kann nur von Szene zu Szene agieren.“ „Ja, aber das großartig. Ich habe da eine Idee!“ „So, was denn?“ „Du weißt ja, dass ich den Kommissar noch zwei weitere Jahre spielen soll, wir haben gerade den Vertrag verlängert. Ich kann sogar an den Drehbüchern mitwirken. Gestern nach der Hotelszene dachte ich dann, dass dein Talent ausbaufähig ist.“ „Wie darf ich das verstehen?“ „Was hältst du davon, in den nächsten Folgen eine durchgehende Rolle zu spielen beispielsweise als meine Mutter oder so etwas Ähnliches?“ „Meine Frau ist fast Mitte siebzig!“, warf Martin ein. „Perfekt, ich bin siebenundvierzig, passt doch großartig!“ „Lass uns erst einmal die Resonanz nach der Ausstrahlung abwarten, dann sehen wir weiter. Es war nie meine Absicht noch einmal eine neue Karriere zu starten. Hätte es in Bremen ein Theater gegeben, das mir eine adäquate Rolle angeboten hätte, wäre das schön gewesen, aber das ist nicht passiert.“ Dietrich Maus ließ nicht locker: „Es soll ja keine durchgehende Hauptrolle werden, du hättest während des Jahres immer mal ein paar Drehtage.“ „Wie gesagt, abwarten und Tee trinken!“ Der Abend verlief ungezwungen und streckenweise sogar beschwingt. Sie hatten inzwischen die zweite Flasche getrunken als Jana zur Uhr sah und feststellte, dass es schon fünf nach elf war: „Oh je, ich muss morgen um neun in der Maske sein, etwas Schlaf wäre hilfreich!“ Maus rief den Ober und bezahlte die Rechnung.

Die verbleibenden zwei Wochen liefen glatt über die Bühne, der Zeitplan konnte fast eingehalten werden. Süder fiel ein Stein vom Herzen, nicht noch mit zusätzlichen Kosten rechnen zu müssen. Direkt nach den Dreharbeiten fuhr die gesamte Crew zur Nachsynchronisation nach Hamburg. Es war wieder Neuland für Jana. Als Sängerin konnte sie zwar sehr gut Vollplayback arbeiten, war lippensynchron, aber nach ihren eigenen Mundbewegungen zu sprechen fiel ihr schwer. Zweimal geriet sie mit Heino Wellinger aneinander, dass sie danach in Tränen ausbrach und alles hinschmeißen wollte. Nur der guten Überzeugungsarbeit von Lorenz Mesenbrink war es zu verdanken, dass die Arbeit fortgesetzt werden konnte. Ende November war alles unter Dach und Fach, die Steenquists konnten endlich nach Bremen zurückreisen.

Die Vorweihnachtszeit verbrachten Martin und Jana entspannt. Es war Tradition geworden, dass das Weihnachtsfest mit Beatrice und Gabriel verbracht wurde. So auch in diesem Jahr. Allerdings bat ihre Tochter darum, dass sie zu ihnen nach Lüneburg kommen sollten, da das Restaurant an den Feiertagen fast überbucht sei und sie unbedingt vor Ort sein müsse, wenn es personelle Engpässe geben sollte. Dieses Argument leuchtete Jana ein und so fuhren sie am dreiundzwanzigsten Dezember in die alte Salzstadt. Sie blieben bis zum zweiten Januar. Da das Enkelkind quengelte und unbedingt noch weitere Zeit mit den Großeltern verbringen wollte, erlaubte Beatrice, dass ihr Sohn ein paar Tage mit nach Bremen kommen dürfe. Sie vereinbarten, dass Gabriel Mitte Januar wieder in Lüneburg sein sollte. „Das passt wunderbar, wir haben am vierzehnten Januar die Pressekonferenz des Tatorts im Elysée in Hamburg, dann liefern wir ihn hier wieder ab.“ Die Tochter war nicht ganz beruhigt, da sie einerseits Angst hatte, dass ihr der Sohn entfremdet wird, andererseits aber auch ganz froh, mal ein paar Tage ohne den kleinen Quälgeist zu haben, das hätte sie ihrer Mutter gegenüber aber niemals verlautbart.

Die Zeit als aktive Großeltern in Bremen verging wie im Fluge. Martin machte mit dem Kleinen einen Schwimmkurs, Jana versuchte in der Küche kleinkindgerechte Gerichte herzustellen, was aber nur teilweise gelang. Selbst bei Gabriels Lieblingsessen Nudeln mit Tomatensauce konnte sie nicht punkten. So vorsichtig sie auch mit den Gewürzen umging und immer wieder abschmeckte, das Kind mochte es nicht. Am Sonntagmittag spuckte der Kleine alles im hohen Bogen über den Esstisch. „Ich glaube, du übernimmst das ab morgen wieder.“ Jana sah ihren Mann hilflos an. „Ja gern, wir müssen ihn ja lebendig wieder abgeben.“ Ab und zu kramte die Sängerin in ihren alten CDs herum. Sie hatte festgestellt, dass ihr Enkel gern Musik hörte und begonnen hatte mitzusingen. „Er scheint dein Talent geerbt zu haben!“, bemerkte Martin oft. „Ach das wäre schön, wenn einer das fortführen würde!“, seufzte die Sängerin dann. „Also hast du mit der Bühne doch noch nicht ganz abgeschlossen?“ „Doch als Sängerin werde ich nicht mehr auftreten, das ist vorbei und es fehlt mir auch nichts! Aber wenn Gabriel Talent haben sollte, werde ich ihm keine Steine in den Weg werfen. Er bekommt dann jede Unterstützung von mir!“

Das traute Großelternglück endete dann mit der Abgabe des Kindes bei seiner Mutter in Lüneburg. Jana fiel es schwer, sich von ihrem Enkel zu trennen, da Gabriel beim Abschied herzzerreißend weinte. Beatrice war ein wenig verärgert darüber und meinte, dass ihr Sohn in Bremen wohl zu sehr verwöhnt worden wäre. Ganz Unrecht hatte sie nicht.

Um elf Uhr am Vormittag war in Hamburg die Pressepräsentation des Tatorts mit dem Titel Erben heißt sterben angesetzt. Der Spiegelsaal des Elysées war mit fast dreihundert Journalisten bis auf den letzten Platz gefüllt. Im Vorfeld hatten sich die Reporter den ganzen Film angesehen. Dann betraten Jana, Manuel Süder, Dietrich Maus, Sybill Reiher und der Regisseur Heino Wellinger die Bühne und wurden frenetisch beklatscht. Selbst der Intendant des NDR Wim Steiner hatte es sich nicht nehmen lassen zu erscheinen, um eine kurze Ansprache zu halten. Danach war es an der Zeit für die Fragerunde der Journaille. Der Fokus lag natürlich ganz eindeutig auf Jana Levin.

Ilona Maller, eine bekannte Kolumnistin vom Hamburger Abendblatt, eröffnete den Reigen: „Frau Levin, wie war es für Sie nach so langer Showabstinenz jetzt in einem neuen Genre tätig zu sein?“ „Ich habe zunächst gezögert, war mir nicht sicher, ob ich in dieser Form zurückkommen möchte in die Branche. Aber dann hat mich das Drehbuch überzeugt, außerdem bin ich ein absoluter Fan dieser Krimireihe.“ Es folgten viele ähnliche Fragen, bei denen die übrigen Repräsentanten des Films zu Statisten wurden. Zwischendurch meldete sich einmal Heino Wellinger zu Wort und fragte die Journalistenmasse schon leicht gereizt, ob sich denn auch jemand für die Entstehung und die Dramaturgie des Streifens interessieren würde. Einige Sekunden herrschte Stille. Ein dicklicher Typ von Bild griff das Thema sofort auf und formulierte die Frage für sich um ohne den Fokus von Jana abzuwenden: „Denken Sie, dass Frau Levin als Schauspielerin eine Zukunft hat?“ „Nun ja, sie hat Talent, keine Frage. Es war ihr Erstlingswerk!“ Jana schaltete sich sofort ein: „Nicht ganz, lieber Herr Wellinger, ich habe auch Theater gespielt unter und mit Fritz Dünnhahr, am Thalia!“ „Ach ja, im letzten Jahrtausend!“, spöttelte Wellinger. Ilsedore Meisen von der Morgenpost wandte sich jetzt an ihn: „Was hatten Sie denn auszusetzen?“ „Auszusetzen gab es gar nichts, sie hat artig ihre Texte gelernt, aber es fehlt einfach noch an Routine!“ Jetzt brachte sich Sybill ins Gespräch ein: „Es hat wirklich viel Überzeugungsarbeit gekostet, Frau Levin zu verpflichten. Natürlich ist sie noch keine perfekte Schauspielerin, aber wir fanden es interessant ihre Bandbreite zeigen zu können. Außerdem wollten wir vielen Zuschauern eine Freude machen, sie nach ihrer Showabstinenz noch einmal vor die Kamera zu bekommen. Ich bewundere ihre Konsequenz!“ Dafür gab es Szenenapplaus, über den Jana sehr gerührt war. Die Pressekonferenz zog sich endlos in die Länge. Gegen halb eins trat Wim Steiner erneut vor die Journalistenschar und beendete die Fragerunde: „So, meine Damen und Herren, liebe Kollegen, das wars. Sie haben jetzt noch bis dreizehn Uhr die Möglichkeit Fotos zu machen, die Akteure stehen Ihnen dort drüben gern zur Verfügung.“

„Überflüssig wie ein Kropf!“, schimpfte Jana auf der Rückfahrt nach Bremen. „Ja, dieser Wellinger war unverschämt und beleidigend!“, versuchte Martin sie zu beruhigen. „Mit dem drehe ich nicht wieder!“ „Heißt das, du könntest dir vorstellen noch einen Film zu machen?“ „Martin, ich sage nie mehr nie, das habe ich mit dem Projekt gelernt. Schlecht war die Arbeit nicht und das Geld stinkt auch nicht!“ „Warten wir erst mal die Reaktion der Zuschauer ab, wenn der Krimi Mitte Februar gesendet wird!“

Im Vorfeld des Fernsehfilms hatte Jana noch zwei Talkshow-Aufritte in Hamburg und Berlin, bei denen jeweils Trailer des Tatorts gezeigt wurden. Die Resonanz des anwesenden Publikums war verhalten. Die Moderatoren interviewten sie auch nicht auf der Höhe der Zeit, man war eher entzückt, dass ein Altstar plötzlich wieder vor die Kamera tritt. Die Rückblickvideos ihrer musikalischen Karriere ließ Jana wohlwollend über sich ergehen. Gern hätte sie mehr über die Dreharbeiten und den Streifen gesprochen, aber diesbezüglich wurde zu wenig gefragt. Manuel Süder, der sie nach der Ausstrahlung der NDR-Talkshow anrief, bemängelte das: „Du hättest den Krimi mehr promoten sollen, dich nicht so in den Vordergrund stellen!“ „Ich hatte keine Möglichkeit, die Absprachen vor der Sendung waren anders. Dass so viele alte Gesangsauftritte gezeigt wurden gefiel mir nicht. Was soll das heute noch? Singen werde ich nicht mehr!“ „Okay, warten wir die Quote am Sonntag ab. Im ZDF läuft lediglich ein Pilcher, der schon zweimal gezeigt wurde. Könnte ganz gut für uns ausgehen!“

Am dreizehnten Februar lief dann um viertel nach acht Erben heißt sterben als sechshundertfünfzigster Tatort. Kurz vor zweiundzwanzig Uhr rief Beatrice ihre Mutter an: „Du warst gut, streckenweise sogar genial, vor allem hat mir deine Mimik gefallen, gerade die Einstellungen, in denen du Angst dargestellt hast, waren fantastisch.“ „Oh, vielen Dank mein Kind!“ „Und, machst du weiter?“ „Dafür ist es jetzt zu früh, außerdem liegen ja gar keine Angebote vor!“ „Die kommen bestimmt, verlass dich drauf!“ Martins Reaktion war verhaltener: „Du warst nicht schlecht, ich hätte den Film aber anders geschnitten. Gerade die Szene als du mit Alfi am Strand spazieren gehst war gut. Du hast mehr als eine Ahnung seiner Absichten, wirst größer und größer, du überzeugst. Er bekommt Angst, das sieht man ganz deutlich. Dich hört man leider nur, du hast da zu wenig Großaufnahmen. Aber insgesamt warst du groß, Gratulation, mein Schatz!“ „Schön, dass du das sagst, deine Meinung ist mir wichtig. Ich weiß, dass du mir keinen Honig ums Maul schmierst. Lass uns noch ein Glas auf den Erfolg trinken!“

Am nächsten Morgen klingelte schon um neun Uhr das Telefon. Ein Anruf reihte sich an den anderen. Zwei Anfragen für Kinofilme waren auch dabei. Jana wimmelte alles ab: „Ich muss erst mal darüber nachdenken, ob und wie ich weitermache.“ Auch Juanita Gonzalez meldete sich und lobte Jana über den grünen Klee. „Diese scheinheilige Hexe, läuft dem Erfolg als Sängerin hinterher und würde bestimmt gern selbst das Genre wechseln!“ Martin blickte von seiner Zeitung auf: „Lass sie, ist doch nett, dass sie gratuliert. Ihr seid doch keine Konkurrentinnen mehr, sieh es gelassen, Schatz.“ Dann meldete sich noch eine Gerlinde Kammer von ITV Studios an und bot der Künstlerin eine durchgehende Rolle in einer dreizehnteiligen Familienserie an. „Wenn das so weitergeht, hänge ich die nächsten Tage nur am Telefon, so habe ich mir das nicht gedacht.“ „Dann nimm dir doch wieder eine Sekretärin, ruf Margarete an.“ „Nein, das tue ich nicht, die ist jetzt um die achtzig, was soll sie denn noch machen?“ Tatsächlich war der Kontakt zu Margarete Loew in den letzten Jahren eingeschlafen. Zunächst gratulierte man sich noch zu Geburtstagen und schrieb Weihnachtskarten. Da aber Jana in diesen Dingen immer vergesslich und oberflächlich war, verblieb das irgendwann. „Wie wäre es, wenn wir ein paar Tage auf Sylt ausspannen?“, schlug Martin vor. „Gute Idee, aber ich möchte Bremen jetzt nicht verlassen, außerdem ist es mir im Februar zu ungemütlich an der Nordsee.“

Auch in den darauffolgenden Tagen kamen zahlreiche Anfragen per Mail und Telefon. Knapp zwei Wochen nach der Ausstrahlung des Tatorts meldete sich die Redaktion von HÖRZU und lud die Steenquists für den zwölften März zur Verleihung der Goldenen Kamera nach Hamburg ein. Jana war als eine der drei Anwärterinnen auf die Trophäe in der Kategorie Beste Schauspielerin national nominiert. Schon während des Gespräches wurde sie ganz aufgeregt und war nicht mehr in der Lage den Informationen zu folgen. Martin hütete mit einer leichten Grippe das Bett. Sie stürmte ins Schlafzimmer und rüttelte ihn wach: „Ich bekomme die Goldene Kamera!“ „Was?“, fragte ihr Mann mürrisch und verschlafen. „Eben hat HÖRZU angerufen und uns zur Preisverleihung eingeladen.“ „Das heißt noch gar nichts.“ „Doch, ich bin nominiert für das Ding!“ „Ja eben, nominiert.“ „Nun freu dich doch mal mit mir, das ist eine Riesenehre!“ „Jana, warten wir es ab, wann soll das denn sein?“ „Du, ich weiß es nicht mehr, kannst du da bitte noch mal anrufen, wenn es dir besser geht?“ „Morgen.“ Dann drehte er sich um und schlief wieder ein.

In letzter Zeit meldete sich immer wieder Eco Klippel, ein Comedian aus Braunschweig, der 2025 den Deutschen Kleinkunstpreis gewonnen hatte. Auch jetzt rief er gerade wieder an und bat erneut um einen Gastauftritt in seiner TV-Show. Jana und Martin hatten ihn ein paar Mal bei seinen Liveauftritten in der Glocke erlebt und waren immer begeistert gewesen. Noch ganz beseelt erzählte ihm die Schauspielerin von ihrer bevorstehenden wahrscheinlichen Auszeichnung. „Na, herzlichen Glückwunsch, meine Liebe, dann können wir den Preis ja ausgiebig in meiner Sendung feiern.“ „Dein Wort in Gottes Ohr, ich melde mich, wenn alles gelaufen ist!“ Obwohl sie Auftritte in Comedy-Shows bisher abgelehnt hatte, war sie jetzt gar nicht mehr so abgeneigt.

Am zwölften März reisten Jana und Martin nach Hamburg. Der Veranstalter hatte eine Suite im Atlantic für sie reserviert. Nachmittags wurde sie zu einer kurzen Stellprobe in die Elbphilharmonie gebeten. „Reine Vorsichtsmaßnahme, sollten Sie die Schüssel heute Abend holen!“, berlinerte ein Aufnahmeleiter. Die Künstlerin war so nervös an diesem Nachmittag, dass es zu einem kurzen Wortgefecht mit Martin kam. Es ging um nichts Wichtiges dabei. Er hatte lediglich Bedenken wegen eines zu tiefen Rückenausschnittes ihres schwarzen Abendkleides. Da die Garderobenkapazitäten in der Elphi begrenzt waren, wurde Jana eine Visagistin zugeteilt, die direkt ins Hotel kam. Gegen siebzehn Uhr klopfte es an der Tür des Apartments. Martin öffnete und erblickte eine kleine rundliche Frau von Anfang fünfzig. „Guten Tag Herr Levin, ich bin Gertrude Päschke, sagen Sie einfach Trude zu mir, ich soll sie schminken!“ „Sie sollen was?“ Jetzt verfiel Trude in ihren Berliner Dialekt: „Ik soll se schminken!“ „Sie meinen meine Frau!“ „Ja, man hat ma jeschickt, um Frau Levin de Maske zu machen!“ Martin musste grinsen: „Na, dann kommen Sie mal rein. Übrigens, mein Name ist Steenquist!“ „Macht ja nüscht, Se sind da Jatte von Jana, anjenehm!“ Die Nominierte kam gerade aus dem Bad und trug bereits die Abendrobe. „Wow, det is knorke!“ Jana verstand nicht so recht und sagte: „Guten Abend Frau Knorke, Sie machen also meine Maske!“ „Nee, ik bin Gertrude Päschke, sajen Se einfach Trude, det machen alle!“ „Gut Trude, dann an die Arbeit!“ Es dauerte nicht lange, die Maskenbildnerin war versiert und verstand ihr Handwerk. Die Künstlerin stellte sich vor den großen Spiegel und versuchte sich von allen Seiten zu betrachten. Sie war sehr zufrieden über das Ergebnis. „Was würde Gladys sagen … ja schau, bin i ned hübsch!“, dabei versuchte sie den bayrischen Dialekt ihrer inzwischen verstorbenen Kollegin nachzumachen. „Sehr schön sogar!“ Martin gab ihr einen vorsichtigen Kuss auf die Wange. Um kurz nach sechs sollte der Shuttleservice das Ehepaar zum Veranstaltungsort bringen.

Den Feierabendverkehr in der Hansestadt hatte der Fahrer wohl unterschätzt. Erst kurz vor neunzehn Uhr erreichten sie die Elbphilharmonie. Hinter den Absperrungen drängelten sich tausende von Fotografen, Fans und Zaungästen. Martin stieg als Erster aus und öffnete seiner Frau die Wagentür. Ihren entblößten Rücken hatte sie mit einer Brokatstola bedeckt. Schon beim ersten Schritt auf dem roten Teppich brandete Applaus aus der wartenden Menge auf. Immer wieder hörte sie Zurufe, die sie aufforderten sich den Fans zu nähern, um Fotos oder Selfies zu machen. „Ich nehme mir einen Moment Zeit.“, sagte sie zu ihrem Mann und wich ein wenig vom Teppich nach rechts ab. Martin folgte ihr, er wollte nicht Gefahr laufen, dass sie sich verzettelte und den gesamten Ablauf aufhielt. Nach fünf Minuten zog er seine Frau mit sich. Sie betraten die lange Rolltreppe zur ersten Ebene der Halle. Als sie oben ankamen, nahm eine Hostess die beiden in Empfang und wies ihnen ihre Plätze im Saal zu. Im oberen Foyer, das sie mit dem Fahrstuhl erreichten, herrschte eine Promidichte, die ihres Gleichen suchte. Alles, was Rang und Namen hatte aus Show, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft war geladen. Katarina Wundertaler, die jetzt auch schon Mitte fünfzig sein musste, sollte den Abend moderieren. Jana erinnerte sich nur ungern an die damalige Talkshow, als Teddy Pick, ihr Exmann Peppilito, als Überraschungsgast angekündigt wurde. Katarina hatte diese Aufgabe zum zwanzigsten Mal übernommen. Zwar hatte sie ihre frauliche Figur erweitert, wirkte aber immer noch erfrischend und kam nach wie vor beim Publikum an. Bestens gelaunt begrüßte sie die Neuankömmlinge: „Ach, das ist ja schön, dass ihr da seid. Keine Angst, heute kann ja nichts passieren, nur dass du gewinnen kannst und vergoldet die Show verlässt!“ „Kati, warten wir es ab, die beiden anderen sind richtige Schauspielerinnen!“ „Wird schon, ach übrigens, die Laudatio in deiner Kategorie hält Juanita Gonzalez.“ „Auch das noch!“, platzte Jana heraus. „Lass doch, ich bleibe auf der Bühne, sie hat nur zwei Minuten und weiß selbst noch nicht, wer die Trophäe bekommt.“ „Das ist ja gut zu wissen!“ Dann mischten sich die Steenquists unter die anderen Gäste. Kurz vor zwanzig Uhr vernahmen die Anwesenden über den Lautsprecher, dass sie jetzt ihre vorgesehenen Plätze einzunehmen hätten. Punkt zwanzig Uhr fünfzehn begann die Show. Katarina Wundertaler betrat in einer hautengen rosafarbenen Abendrobe, die ein wenig an Miss Piggy erinnerte, die Bühne. Mit ihrer flapsigen, aber charmanten Art hatte sie das Auditorium sofort auf ihrer Seite: „Na, Ihr Lieben, wie sehe ich aus?“ Tosender Beifall und Bravorufe folgten. „Alles selbst gemacht und frieren werde ich auch nicht, höchstens vor Rührung, denn ich habe dafür das Neopren aus zwei alten Surfanzügen verwendet, Recycling ist heute eben alles!“ Das Publikum war freundlich amüsiert. „Guten Abend meine Damen und Herren, liebe Kollegen, ich begrüße Sie zur Verleihung der Goldenen Kamera 2028!“ Dann betrat Juanita Gonzalez die Bühne und sang ein Medley ihrer Erfolge. Jana begann zu zittern und flüsterte Martin zu: „Oh je, bin ich schon dran?“ Er schüttelte den Kopf. Als die Spanierin ihre Performance beendet hatte, wurde sie von Katarina mit den Worten „Wir sehen uns nachher noch einmal“ verabschiedet. Danach wurden die Preise in den Kategorien ‚Beste Dokumentation‘, ‚Bester Musiker national‘ und ‚Bester Schauspieler national‘ vergeben. Darauf folgte eine Balletteinlage mit Tänzerinnen des Friedrichstadtpalastes.

Und dann war es soweit! Die Moderatorin kündigte Juanita Gonzalez als Laudatorin für den Preis der ‚Besten Schauspielerin national‘ an. Fast wie eine Königin schritt die mindestens Fünfundsiebzigjährige zum Mikrofon und begrüßte das Publikum: „Ich habe die große Ehre, die von Ihnen gewählte beste Schauspielerin mit der Goldenen Kamera auszuzeichnen. Lassen Sie mich mit einem Zitat von Goethe sprechen: Mein Freund, die goldene Zeit ist wohl vorbei: Allein die Guten bringen sie zurück. Heute ist es mir eine große Ehre eine ganz Große auszuzeichnen.“ Dann riss sie einen Umschlag auf. In diesem Moment herrschte Stille im Saal. Janas Hände verkrampften sich in denen von Martin und waren schweißnass. „Oh!“ Wieder kam einige Sekunden Stille auf. „Die Goldene Kamera 2028 geht an Jana Levin für ihre Rolle im Tatort“ Jana glaubte nicht, was sie hörte, stand aber wie in Trance auf und bewegte sich in Richtung Bühne. Juanita kam ihr ein paar Schritte mit ausgebreiteten Armen entgegen, drückte die Gewinnerin an sich und küsste sie links und rechts auf die Wange. Katarina eilte herbei und führte Jana zum Podest, wo sie ihre Dankesrede halten sollte. In diesem Moment schien sich der Beifall zu überschlagen. Gefühlte fünf Minuten genoss die Künstlerin die Huldigung bevor sie selbst zu Wort kam: „Ich danke Ihnen allen sehr, natürlich auch dem Team, besonders Heino Wellinger, der versucht hat, das Beste aus mir herauszuholen. Und ganz besonders danke ich meinem Mann Martin Steenquist, ohne ihn wäre das alles gar nicht möglich gewesen!“ Dann übergab ihr Juanita die Trophäe und küsste sie erneut. In gespielter Eintracht gingen die beiden Künstlerinnen Hand in Hand zurück ins Publikum. Jetzt kam ihr Martin entgegen und umarmte sie. „Ich habe es gewusst!“, flüsterte er ihr ins Ohr. Die restliche Zeit der Preisverleihung nahm sie nur noch schemenhaft wahr. Sie saß neben ihrem Mann und war einfach nur glücklich. Gegen Mitternacht begann die Aftershowparty. Der vorangegangene Fototermin dauerte über eine halbe Stunde. Es bestand keine Frage – Jana Levin war wieder da! Jetzt mit Mitte siebzig schien es so, als stehe sie vor einem Neuanfang. Ilona Akilegna, eine der größten Produzentinnen in Deutschland, kam auf Jana zu und bot ihr spontan einen TV-Dreiteiler über das Leben der damaligen Kanzlerin Angela Merkel an. Sie lehnte aber ab, mit der Begründung, dass man die Zeit nicht zurückdrehen kann. Tatsächlich fühlte sie sich nicht imstande eine rund zwanzig Jahre jüngere Frau zu spielen. Merete Pling-Larsson gratulierte Jana herzlich: „Das hast du voll und ganz verdient. Ich habe in den 1970 er Jahren auch mal in einem Tatort eine kleine Rolle gehabt, aber das ist wohl niemandem aufgefallen.“ „Wie geht es dir denn, habe ewig nichts von dir gehört?“ „Ich habe mich auch ganz und gar zurückgezogen, habe einfach keine Lust mehr. Meine Freundin und ich leben jetzt in Malmö, haben dort am Stadtrand ein altes Bauernhaus gekauft, es ist himmlisch!“ „Freundin?“, fragte Jana irritiert. „Ach Jana, ihr habt das doch immer gewusst, vielleicht sogar noch eher als es mir selbst bewusst war.“ „Es gab damals immer mal Gerüchte, aber die haben mich nicht interessiert. Es ist doch auch ganz egal mit wem man lebt, Hauptsache du bist glücklich!“ „Oh ja, sogar sehr!“ „Wer ist es denn?“ „Ach, in Deutschland kennt man sie nicht. Birgitta Kroogsgaard kommt aus Dänemark, arbeitet aber in ganz Skandinavien als Schauspielerin. Dein Mann ist doch auch Schwede, wenn ihr mal da oben seid besucht uns doch.“ Jana versprach der Einladung gerne nachzukommen. Im Laufe des Abends lief ihr noch Elena Zarzidou über den Weg, im Schlepptau hatte sie ihre Grinsefresse Gerd. „Gott, ist die alt geworden!“, zuckte die Preisträgerin zusammen. „Jana Darling, wir gratulieren dir ganz herzlich!“ Dann küsste sie die Griechin, Gerd schloss sich an. Wie immer erzählte er sofort von den unglaublichen Erfolgen seiner Frau, die jetzt ein neues Buch über Fitness im Alter geschrieben hatte. „Wir konnten es gerade noch so möglich machen dieser Einladung zu folgen. Elena ist auf erfolgreicher Lesereise und gibt Tipps, wie man das Altern etwas hinauszögert.“ „So, wie denn, mit Botox?“ Martin, der direkt daneben stand zog seine Frau an sich und flüsterte ihr ins Ohr: „Darling, muss das jetzt sein?“ „Ja, ich kann dieses falsche Luder nicht ausstehen!“ Ein vorbeikommender Fotograf bat die beiden Diven für ein gemeinsames Foto zu posieren. „Wenn es sein muss, okay!“ Elena deutete eine Umarmung an, gleichzeitig sprang die Grinsefresse noch ins Bild und versuchte Jana von der anderen Seite zu berühren. „Gerd, der Fotograf bat um ein Bild von deiner Frau und mir!“ Jana stieß ihn barsch beiseite.

Erst gegen drei Uhr morgens kamen Jana und Martin glücklich, aber total erschöpft ins Atlantic zurück. „Ich freue mich jetzt erst mal auf ein paar unbeschwerte Wochen mit uns in Bremen, möchte in der nächsten Zeit nichts als Ruhe haben.“ „Wovon träumst du nachts?“ „Was meinst du?“ „Na ja, du glaubst doch wohl nicht, dass die jetzt Ruhe geben nach dem Erfolg!“ „Lass uns das morgen besprechen oder noch besser im nächsten Leben.“